Paulus von Tarsus etwas anders

Paulus ex Tarsus

 

Nur eine Biographie

Georg Korfmacher

 

Einführung

 

Dieses Essay ist keine neuerliche Untersuchung oder gar Bewertung paulinischer Lehren und Gedanken. Mehr als in den von der Kirche später entwickelten Legenden und Glaubenssätze steht hier der Mensch Paulus ex Tarsus im Mittelpunkt. Durch seine Briefe ist Paulus einer der bestdokumentierten Bürger seiner Zeit, wobei man natürlich sehen muss, dass er sich darin, über manche misslichen Tatsachen hinweg, selbst gut darstellen wollte. Sie geben jedoch eine Fülle von Hinweisen, die es in Verbindung mit dem geschichtlichen Umfeld ermöglichen, das Leben dieses bedeutsamen Mannes nachzuzeichnen.

Dass sich dabei zahlreiche Widersprüche zur offiziellen Lehrmeinung der Catholica ergeben, muss in Kauf genommen werden. Der neugierige Leser möge sich seine eigene Meinung bilden. Bei den umfangreichen Recherchen habe ich mich insbesondere auf folgende Quellen gestützt:

  • Die als authentisch geltenden Paulusbriefe
  • Die Apostelgeschichte nach Lukas
  • Hyam Maccoby, DER MYTHENSCHMIED, Ahriman-Verlag, 1. Aufl. 2007
  • Thomas J. Bauer, Who is who in der Welt Jesu, Herder, 2007
  • Gerd Lüdemann, Paulus, der Gründer des Christentums, zu Klampen, 2001
  • Gerd Lüdemann, Altes Testament und christliche Kirche, zu Klampen, 2006
  • Gerd Lüdemann, Die ersten drei Jahre Christentum, zu Klampen, 2009
  • Karlheinz Deschner, alle Veröffentlichungen
  • Die verborgenen Akten der ersten Christen, Herausgeber Edgar Henneke, marixverlag, 2006

 

München, 2010, zum 2000-jährigen Jahrestag der Geburt von Paulus ex Tarsus

Georg Korfmacher

 

Inhaltsverzeichnis

 

Tarsus                                                                     

Jerusalem                                                               

Vom feurigen Juden zum Judenjäger              

Damaskus                                                              

Nur weit weg von Jerusalem und Damaskus! 

Von Shaul zu Paulos                                           

Wieder in Tarsus                                                   

Wieder in Jerusalem                                            

Antiochia                                                                

Die erste Reise nach asia minor                        

Wieder in Antiochia                                                          

Die zweite Reise                                                   

Korinth                                                                    

Ephesus                                                                 

Der zweite Besuch in Jerusalem                       

Zurück in Antiochia                                                          

Die dritte Reise                                                      

Die letzte Reise nach Jerusalem                       

Cäsaraea                                                                

Die Überfahrt nach Rom                                     

Rom                                                                         

 

Tarsus

 

Beharrlich redete Shaul auf seinen Vater ein, ihn doch endlich zu verstehen. Nach der Arbeit war er erst in die Synagoge gegangen und dann nach Hause zum Abendessen gekommen. Aber der Vater hatte für die Vorstellungen seines Sohnes kein Verständnis. Hier in Tarsus hatten sie alles, was sie sich nur wünschen konnten. Den Schutz der Römer in einer civitas libera, das römische Stadtbürgerrecht und einen angesehenen Beruf als Zeltmacher und Sattler. Sie konnten sich in ihrem Beruf frei bewegen, mussten zwar etwas mehr Steuern zahlen, aber dafür auch keinen Soldatendienst leisten. Die Arbeit ging ihnen bei den vielen Karawanen, die hier durch Tarsus kamen, nicht aus. Und die Leute schätzten ihre Arbeit! Als Gottesfürchtige waren sie auch in der jüdischen Gemeinde angesehen. Es fehlt ihnen an nichts. Was wollte der Sohn denn noch? Natürlich konnte Shaul seinem Vater da nicht widersprechen, aber er wollte mehr. Er wollte studieren. Als Sattler konnte er alles, aber Sattler das ganze Leben? Gerade als Gottesfürchtiger musst der Vater doch besonders verstehen, dass Shaul sich von der jüdischen Philosophie angezogen fühlte. Er wollte auf eine richtige Rabbiner-Schule. In Tarsus gab es so etwas nicht. Und als Sattler würde er überall sein Auskommen finden. Zelte und Zaumzeug gingen schliesslich überall kaputt.

Mit einem tiefen Seufzer wünschte der Vater seinem Sohn eine gute Nacht, und schlürfte mit seiner Öllampe in den hinteren Teil des Hauses, wo seine Frau das Nachtlager schon bereitet hatte.

Mit den ersten Sonnenstrahlen war Shaul auf den Beinen. Die Mutter hatte schon eine warme Linsenbrühe zubereitet. Shaul trank hastig, ein kurzer Gruss und schon war er auf dem Weg in die Werkstatt. Vorbei am prachtvollen Tempel des Baal-Taras, quer über den schon zu früher Stunde sehr lebendigen Markt hin zum anderen Rand der Stadt. Dort lag die Werkstatt in unmittelbarer Nähe der grossen Karawansereien. Auch der Hafen war nicht weit weg. Die Gehilfen waren schon da, tüchtige Sklaven, die schon lange für den Vater und Shaul arbeiteten. Gerade war wieder eine grosse Karawane aus Arabien angekommen.

Und schon stand der Karawanenführer da mit Ballen von Zelten und Zaumzeug, die bis in drei Tagen zu reparieren waren, weil die Karawane dann weiter ziehen musste. Und dann noch dieser Auftrag von der IV. Römischen Legion für die Prunkzelte und die vielen anderen noch unerledigten Arbeiten. Shaul hatte alle Hände voll zu tun, für seine geistigen Ambitionen blieb da nicht viel Raum.

Todmüde von der Arbeit wieder zuhause, nahm der Vater gleich wieder das Gespräch vom Vortag auf. Vorwurfsvoll fragte er Shaul, ob er sich eigentlich überlegt hätte, was es für ihn und die Eltern bedeutete, wenn er studieren würde. Da musst er weg von Tarsus, weg aus dieser wunderschönen, reichen und grossen Stadt, wahrscheinlich nach Judaea oder gar nach Jerusalem. Hier in der Provinz Kilikien war das Leben friedlich, während in der Provinz Palästina immer nur Unruhe herrschte. Und das Studium konnte er dem Sohn auch nicht bezahlen. In Tarsus hatten sie zwar sehr gute Arbeit, aber ein Vermögen hatten sie noch nicht. Das wollten sie erst gemeinsam erarbeiten. Und was war denn mit einer Heirat? In seinem Alter nicht verheiratet sein, war in der Gemeinde nicht gut gesehen. Die Frau hatten sie für ihn schon ausgesucht.

Shaul war um eine schnelle Antwort nicht verlegen und beruhigte seinen Vater, dass er ein Studium mit seiner Arbeit schon selbst zahlen konnte. Und das mit der geplanten Heirat sollten die Eltern sich aus dem Kopf schlagen. Er wollte nicht heiraten! Frauen waren ihm gleichgültig. Und das Gesetz des Kaisers Augustus gegen Ehe- und Kinderlosigkeit wurde so weit weg von Rom nicht so streng überwacht. Also keine Sorge! Der Vater fühlte sich bei dieser starren Haltung sichtlich nicht wohl. Warum dachte der Sohn immer nur an sich? Was würde aus den Eltern, wenn sie älter werden, was aus dem Geschäft, das sie so mühsam aufgebaut hatten? Für Shaul aber stand fest, jetzt wollte er erst einmal studieren, und dann würde man ja sehen.

Die Mutter stellte mit einem Seufzer die Schüssel beiseite und schluchzte leise, dass sie in Judaea keine eigene Verwandtschaft hätte und dass sie nur gehört habe, dass der Schwestersohn des Vaters in Jerusalem leben solle. Und so machte sich Shaul trotzig an die Planung seiner Zukunft.

 

 

Jerusalem

 

Im 4. Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius war es dann soweit. Shaul war in Jerusalem angekommen und hatte sich sofort auf die Suche nach seinem Cousin gemacht. Den fand er dann in der Unterstadt von Jerusalem, wo er bei Verwandten wohnte. Dort konnte auch Shaul in einer Kammer schlafen, bis er etwas nach seinem Wunsch gefunden hätte.

Shaul war von Jerusalem zunächst sehr enttäuscht. Gegenüber Tarsus war Jerusalem geradezu eine Kleinstadt, voller Hügel und Winkel, völlig unübersichtlich ausser einiger weniger Punkte wie der Tempel, der Palast des Herodes und die römische Wachkaserne. Der römische Präfekt Pontius Pilatus residierte in Cäsaraea und kam nur zu Inspektionsreisen nach Jerusalem. Hier hatte der Hohepriester Kaiphas das Sagen. Er war von Rom eingesetzt und hatte Polizeigewalt in Judaea gegen alle jüdischen Umtriebe, die der römischen Besatzungsmacht nachträglich sein könnten. Überhaupt herrschte in Jerusalem ein undurchschaubares Durcheinander von jüdischen Sekten und Synagogen, strenge Judaisten und liberale Hellenisten, Kanaanitern, Samarianern, Syrern und Philistern. Die Rabbis der verschiedenen Schulen diskutierten mit- und gegeneinander, wortgewaltig und aberwitzig. Und doch standen alle Pharisäer zusammen gegen die Saduzzäer, die den Hohepriester stellten und streng und weltfremd über den Tempel wachten. Der Hohepriester stand zwar dem Sanhedrin vor, hatte aber keinerlei Autorität in Sachen Religion. Für einen Aussenstehenden wie Shaul war das alles sehr verwirrend. So hatte er sich Jerusalem nicht vorgestellt. Trotz der verschiedenen Religionen und Völkerschaften in Tarsus war dort alles viel übersichtlicher gewesen, hier in Jerusalem war eine Ordnung, ausser der der römischen Besatzung, auf Anhieb nicht zu erkennen.

Seine Suche nach einer Rabbi-Schule gestaltete sich schwierig. Auch der Cousin konnte ihm nicht helfen, der versuchte sich nämlich im Handel mit Datteln und manchmal auch als Botengänger. Und so blieb Shaul nichts anderes übrig, als sich durchzufragen. Von Schule zu Schule und Frust auf Frust. In der ersten Schule fand er, dass die Schüler weniger gut schreiben konnten als er, also nichts. In der zweiten Schule wurde er nach seinen Hebräisch-Kenntnissen gefragt. Aber warum denn das? Er kannte doch die Septuaginta in- und auswendig. Aber nein, es musste im Original gelesen werden. Also wieder nichts, und das Geld ging ihm langsam aus. Wieder sattlern und Zelte machen. Aber auch das lief in Jerusalem nicht so gut. In diese quirlige Stadt kamen nicht so viele Karawanen, die Juden ritten immer wieder auf denselben Eseln, und Zelte waren auch nicht der letzte Schrei, lebte man doch komfortabel in Häusern und Palästen.

Nur ja jetzt nicht aufgeben! Was Shaul sich in den Kopf gesetzt hatte, wollte er auch unbedingt durchsetzen. Kaum hatte er sich mühsam etwas Geld zur Seite geschafft, suchte er weiter nach einer Schule, wie er sie sich vorstellte.

Die, an denen er sich bisher versucht hatte, schienen ihm zu einfach. Warum nicht bei den besten versuchen. Die führende Schule war die des Rabbi Gamaliel. Hier war seine Vorbildung doch sicherlich ausreichend. Der Andrang zu dieser Schule aber war gross. Schon bei der ersten Vorstellung vielen ihm die vielen Schüler auf, die scheinbar schon fortgeschrittene Rabbis waren. So diskutierten sie einerseits lebhaft untereinander, und waren andererseits völlig versunken in der Lesung der Thora. Und da war wieder die Frage nach seinem Hebräisch und das nachsichtige Lächeln, als er von seinem Wissen aus der Septuaginta sprach. Nein, wer nicht im Original lesen kann, kann die Wahrheit nicht finden. Ohne profunde Hebräischkenntnisse keine Zulassung zu den Kursen. Was sollte er also machen?

Verdrossen schrieb er sich dennoch in einen Einführungskurs ein. Die Übungen waren ihm zuwider. Ewiges Rezitieren von völlig unverständlichen Sätzen, die alle einen tiefen Sinn im Verständnis jüdischer Religions- und Lebensregeln haben sollten und von denen er in Tarsus noch nie etwas gehört hatte. Jetzt wurde ihm klar, dass er sich mit seinem Wunsch zum Studium an eine Sache herangewagt hatte, auf die er in Tarsus nicht richtig vorbereitet worden war. Griechisch war hier überhaupt nicht gefragt. Hier ging es um die Erkenntnis jüdisch historischer Weisheiten, um die Anwendung althergebrachter jüdischer Regeln auf das Leben von heute. Und immer wieder um die Reinhaltung des Glaubens gegenüber den neuen Ideen der Besatzer und überhaupt gegenüber allen fremden religiösen Einflüssen. Und das alles in Hebräisch!

Seit Monaten schlug er sich mit den Leitern der Grundklassen herum, nicht die kleinste Chance in eine höhere Klasse aufzusteigen, ganz zu schweigen von einem Kurs bei Gamaliel. Shaul musste erkennen, dass er hier völlig überfordert war. Auf diesem Weg konnte er nicht ans Ziel seiner Vorstellungen kommen. Hier lebte er in einer völlig jüdisch bestimmten Umwelt, und der Weg nach ganz oben schien ihm versperrt. Es gab nämlich kein ganz oben. Jeder Rabbi hatte seine Meinung, tolerant gegenüber einem anderen und immer konziliant, solange man die Grundregeln der Thora respektierte. Also nicht die einzige, wahre Lehre, nur immer Varianten ein und derselben Grundvorstellung laut der niedergeschriebenen oder mündlichen Überlieferung. Wer soll sich da noch eindeutig auskennen. Und all diese Regeln und Gesetze, die in ihrer Vielfalt kaum zu übersehen und noch weniger zu erfüllen waren. Irgendetwas machte man immer falsch.

Shaul musste sich eingestehen, dass er sein Traumziel so nicht erreichen konnte. Irgendwie fühlte er eine tiefe Enttäuschung. Er wollte zutiefst überzeugt in den jüdischen Glauben eindringen und ihn aufsaugen, und jetzt scheiterte er an so einfachen Dingen wie der hebräischen Sprache. Warum war Griechisch nicht ausreichend, damit hatte er in Tarsus brilliert, das war die Sprache im östlichem Mittelmeerraum und auch bei den Römern sehr geschätzt. Waren die Rabbi-Schulen wirklich die einzig selig machenden Einrichtungen, wo man jüdische Philosophie studieren konnte? Waren sie wirklich die einzige Möglichkeit, um ans Ziel zu gelangen? Da gab es ja noch die Saduzzäer als Wächter über den reinen Glauben mit ihrer strengen Struktur und Macht über das jüdische Volk.

 

 

Vom feurigen Juden zum Judenjäger

 

Mit seinem Cousin konnte er über seine Probleme nicht reden. Der lebte in einer anderen Welt, in der religiöse Dinge keine grosse Rolle spielten. Er entrichtete seine Tempelsteuer, hielt die wesentlichen Gebote ein und fühlte sich als Volljude doch relativ sicher, da er als solcher sowieso schon ein Erretteter war. Kleine Sünden gehörten für ihn zum Leben wie das Salz in die Suppe. Nur zuviel davon verdarb den Genuss. Andere Freunde hatte Shaul aber nicht. Also musste er ihn in seine wesentlichen Vorhaben einweihen. So auch in sein Vorhaben, einen Zugang zu den Saduzzäern zu finden. Der Cousin konnte ihm dabei zwar nicht helfen, aber er versprach mindestens, nichts von seinen Bemühungen zu sagen.

Aber wie in diese geschlossene Gesellschaft kommen? Shaul hatte weder eine entsprechende Abstammung, noch hatte er irgendwelche Referenzen, schliesslich war er ja nur Gottesfürchtiger und kein Volljude. Also besann er sich auf das, was er so gut konnte, Zelte machen, Prunkzelte. Pecunia non olet. Und im Tempel gab es da Bedarf. In den wesentlichen Dingen der Thora kannte er sich ja aus und konnte sich darüber in Aramäisch und Griechisch fliessend unterhalten. Den Saduzzäern ging es vorrangig ums Zeremoniell, den Dienst im Tempel und all seinem Beiwerk, Prunk, Pracht und Opfer. Mit kleinen aber feinen Diensten bei der Instandhaltung der Vorhänge und Dekorationen schlich sich Shaul ins Vertrauen der Tempeldiener und schliesslich auch des Vorstehers ein und erfuhr so mehr und mehr über alles, was die Saduzzäer so machten. Dabei wurden seine Leistungen stets angemessen bezahlt, Geld spielte scheinbar überhaupt keine Rolle, wenn die Arbeit in Ordnung war. Und so wurde Shaul eines Tages auch dem Hohepriester Kaiphas vorgestellt, der an ihm als eifrigen und fleissigen Mann Gefallen fand, weil er neben seiner Zeltmacherkunst auch noch fliessend aramäisch sprach, Griechisch sprechen, lesen und schreiben konnte und sich auch noch im jüdischen Glauben überdurchschnittlich gut auskannte. Nach einiger Zeit weihte ihn Kaiphas auch in seine Sonderbefugnisse als Polizeiorgan der Römer in Judaea ein. Er war der oberste Herr einer Truppe, die dafür verantwortlich war, dass sich in der jüdischen Bevölkerung keine religiöse Bewegung entwickelte, die der römischen Besatzungsmacht gefährlich werden könnte. Shaul erfuhr, dass es gerade in Galilaea und Judaea immer wieder Gruppierungen und Sekten gab, die sich offen gegen die römische Besatzung wendeten. Da solle es z.B. die Nazarener geben, die noch in dieser Generation einen neuen König der Juden erwarteten, der die Juden vom Joch der Römer befreien sollte. Solche Ideen waren zwar nicht neu, aber sie richteten sich nicht nur gegen die Römer sondern auch gegen die Saduzzäer selbst, aus deren Reihen die Römer den Hohepriester bestimmten. So erfuhr Shaul von der Polizeitruppe in Diensten des Hohepriesters, offiziell zur Überwachung der reinen jüdischen Lehre. Und dann kam auch schon das Angebot an ihn, ob er nicht in dieser Truppe tätig sein wolle. Nur so als Spitzel und zur Untersuchung aller möglichen Fälle. Er kenne sich ja in den wesentlichen Dingen der jüdischen Lehre aus und im Übrigen erhielte er genaue Anweisungen, was er zu tun und wie er sich zu verhalten habe. Und die Bezahlung war auch nicht zu verachten. Endlich eine Tätigkeit, in der er nicht seine handwerklichen Dienste verrichtete, sondern Order gegenüber Dritten und an diesen ausführen konnte. Zum ersten Mal lernte Shaul den Umgang mit Macht über Menschen. Zunächst in untergeordneten Aufgaben und Rängen, aber zunehmend mit Verantwortung, weil seine Vorgesetzten seine Arbeit schätzten.

Und so avancierte Shaul schnell in eine Führungsrolle und wurde mit der Untersuchung besonderer Probleme beauftragt. Allerdings musste er auch lernen, mit dem Hass der Bevölkerung umzugehen, denn die Arbeit der Schergen im Dienst des Hohepriesters war in der jüdischen Bevölkerung ebenso verhasst wie die der Zöllner und Steuereintreiber. Rücksichtslos brachten sie die Bauern um Haus und Hof, wenn sie die hohen Abgaben für den Tempel und die Besatzung nicht pünktlich abführten. Ebenso sperrten die Schergen des Hohepriesters erbarmungslos jeden ins Gefängnis, der sich auffällig gegen den jüdischen Glauben und die Römer verhielt. Es war ein Haufen von brutalen Rabauken, die zudem nicht einmal Juden sein mussten.

Und da hatte der Hohepriester gerade ein Auge auf die Nazarener aus Galilaea, die seit geraumer Zeit wieder Unruhe in der Stadt stifteten. Der Anführer der Bewegung war ein gewisser Jakob, der zusammen mit einem gewissen Kephas, oder auch Simon genannt, eine konfuse und unmittelbar bevorstehende Wiederkunft eines Messias zur Befreiung vom römischen Joch predigte. Diese Gruppierung sollte sich Shaul einmal besonders vornehmen und auskundschaften. Und das tat er mit Eifer und Geschick. Er fand heraus, dass sich die Gruppe zwar relativ ruhig verhielt und auch nicht besonders gross war, es aber einzelne Mitglieder gab, die sich auffällig gegenüber der römischen Besatzung mit Ideen von einem neuen König der Juden verhielten, der bald kommen und das jüdische Volk von der Besatzung der Römer befreien sollte. Ein gewisser Jeshua soll da eine Rolle gespielt haben, aber welcher Jeshua? Jeshua war ein sehr verbreiteter und beliebter Name. Auch der Hinweis Jeshua bar Joseph half wenig weiter, weil Joseph ein noch weiter verbreiteter Name war. Während die Gruppe sich eher zurückhielt und lieber in Ruhe auf die Wiederkunft eines Messias wartete, gab es da einen Hitzkopf, der lieber heute als morgen losschlagen wollte, anstatt ewig auf das an sich versprochene aber noch nicht eingetroffene Ereignis der Wiederkunft zu warten. Shaul fand heraus, dass es sich dabei um einen gewissen Stephanus handelte. Akribisch recherchierte er auch das Umfeld dieses Stephanus in den Archiven der römischen Verwaltung nach diesem Jeshua, der in dieser Gruppe tätig gewesen sein soll und von dem hinter vorgehaltener Hand die Rede war. Aber er fand nichts. In den Akten des Pontius Pilatus gab es keinerlei diesbezüglichen Vermerke oder Berichte. Seltsamerweise konnte er auch nichts über diesen Jeshua in der Gruppe um Jakob erfahren, obwohl dieser doch der Bruder von Jeshua sein sollte.

Gewissenhaft trug er seine Erkenntnisse dem Hohepriester vor. Der war von der gründlichen Arbeit derart beeindruckt, dass er sich erstens entschloss diese Gruppe endgültig mundtot zu machen und zweitens Shaul den Auftrag zu erteilen, diesen Stephanus dingfest zu machen und dem Hohepriester vorzuführen.

Jetzt wurde es für Shaul brenzlig. Mit diesem Auftrag musste er seine verdeckte Position als Spitzel aufgeben. Nun würden die Juden erfahren, welche Rolle er wirklich spielte. Jetzt würde ihm quasi seine Tarnkappe als eifriger Jude weggerissen und die Fratze des Schergen im Dienste des Hohepriesters sichtbar, wollte er die lukrative Tätigkeit nicht aufgeben oder verlieren.

Aber selbst wenn er jetzt alles hingeschmissen hätte, überlegte er blitzschnell, hätte er sich in Jerusalem nicht mehr halten können, zu verhasst waren die Saduzzäer im jüdischen Volk und somit auch er als deren Scherge. Und zurück war Shauls Devise nicht. Ab sofort trat er also forsch als Kommissar des Hohepriesters auf und kommandierte eine Gruppe von Schergen. Genauso verbissen, wie er sich anfangs in das Studium an einer Rabbi-Schule gestürzt hatte, mache er sich an seine neue Arbeit.

Aus seinen Voruntersuchungen kannte er das Profil von Stephanus bis ins Detail. Die Festnahme durch seine Schergen gelang so im Handstreich. Stephanus sass schnell sicher im Gefängnis, der Sanhedrin unter dem Vorsitz des Hohepriesters wurde unverzüglich einberufen und die Verhandlung gegen Stephanus eröffnet.

Durch frühere Verfahren war der Hohepriester schlau geworden. Er konzentrierte sich in dem Verfahren gegen Stephanus ausschliesslich auf religiöse Belange. Hätte er das nicht getan, sondern das Verfahren auch auf politische Argumente wie Umsturz, Aufstand gegen Rom oder ähnliches gestützt, wäre Pontius Pilatus zuständig gewesen. Rein religiöse Belange waren aber seine Sache und lagen in seiner Kompetenz. Um solch banale Dinge kümmerten sich die Römer nicht.

Dank der gründlichen Vorarbeit seines Kommissars Shaul konnte das Verfahren schnell durchgezogen werden. Stephanus durfte sich zwar verteidigen, aber keiner verstand seine konfusen Argumente. Da war die Rede von jemandem, den keiner kannte, von einem Messias, der dem jüdischen Volk Befreiung bringen sollte, aber man hielt sich schon die Ohren zu bei all diesem Durcheinander. Diese Argumente wurden prozesstaktisch übergangen. Nur ja keine Komplikation mit Pontius Pilatus! Stephanus’ Rede wurde als Bestätigung einer Lehre gewertet, die von der Thora und Überlieferung in wesentlichen Punkten häretisch abwich. Entsprechend dem jüdischen Recht wurde er kurzerhand zum Tod durch Steinigung verurteilt.

Jetzt wurde Shaul wieder tätig. Mit seinen Schergen schleppte er Stephanus zur Schädelstätte vor der Stadtmauer. Die blutige Arbeit ekelte ihn aber doch und er zog sich an den Rand des Steinigungsplatzes zurück, wo seine Schergen ihre Gewänder abgelegt hatten, um die schweren Steine besser schleudern zu können. Die Steinigung selbst war kurz und professionell, der Gesteinigte wurde an den Pfahl gehängt. Shaul war mit seiner Truppe zufrieden und berichtete dem Hohepriester Vollzug.

Ab sofort wurde es in Jerusalem erstaunlich ruhig um die Nazarener. Auch der Hohepriester war’s zufrieden, allerdings war er von Informationen beunruhigt, dass ähnliche Ideen wie die des Stephanus in anderen Städten der römischen Provinz Syria auftauchten. Sollten die Nazarener dorthin ausgewichen sein, obwohl ihr Anführer Jakob weiterhin in Jerusalem lebte und in keiner Weise auffällig war? Eine dieser Städte ausserhalb Judaea war Damaskus.

 

 

Damaskus

 

Aus Damaskus gab es Berichte an den Hohepriester, dass Teile der jüdischen Gemeinde eine Lehre von einem Messias vertreten würden, die mit der Thora und Überlieferung unvereinbar schienen. Der neue Hohepriester war jetzt Theophilos, und der wollte der Sache auf den Grund gehen. Aber da gab es ein schier unüberwindliches Hindernis. Damaskus lag nicht im Gebiet seiner Zuständigkeit. Kaiser Caligula hatte die Stadt im ersten Jahr seiner Regentschaft an die Nabatäer abgetreten. Und überhaupt, Theophilos war nur für die engere Provinz Judaea zuständig. Sein Vorhaben war also äusserts heikel, politisch brisant und eigentlich nur geheim durchzuführen. Wer könnte wohl für eine solch hochbrisante Aufgabe eingesetzt werden? Aus seiner Polizeitruppe gab es keinen Besseren als Shaul! Er war ideal für diese Aufgabe, war gründlich, unverheiratet und loyal, sprach Aramäisch und Griechisch, in Damaskus unbekannt und mit 26 Jahren im besten Alter. Dem Hohepriester war vollkommen bewusst, dass er mit einer solchen Aktion seine Kompetenz total überschritt und seine Förderung durch die Römer aufs Spiel setzte. Auch machte er sich erpressbar, wenn die Sache auffliegen würde. Andererseits musste er immer wieder Exempel statuieren, um seine Machtposition zu halten und zu festigen.

Bei eine solch geheimen Mission durfte es natürlich keinen schriftlichen Auftrag geben. Also musste er sich ganz und gar auf Shaul verlassen. Er weihte Shaul in sein Vorhaben ein und bereitete ihn intensiv auf die Aufgabe vor. Er sollte die Köpfe der abtrünnigen Bewegung in Damaskus ausfindig machen und nach Jerusalem entführen. Nur sicherheitshalber stattete er ihn mit unverfänglichen Empfehlungsschreiben an den Gemeindevorstand in Damaskus aus und gab ihm reichlich Bargeld mit, damit er seine Mission völlig unabhängig und für alle Fälle vorbereitet durchführen konnte.

Im zweiten Jahr der Amtszeit des Theophilos machte sich Shaul mit ein paar ausgesuchten Begleitern auf den Weg nach Damaskus. Eine Woche Staub und brennende Sonne, zu Fuss oder auf einem Eselsrücken lagen vor ihnen. Bis Sephoris ging es recht gut, aber dann wurde der Weg beschwerlich. Stunden- und tagelang durch steinige Wüstengegend, bergauf und bergab, endlose Weiten, trotz grosszügiger Bezahlung kein Komfort in den Herbergen, kein Mensch, mit dem man reden konnte, sich immer wieder bedeckt halten.

Shaul kam ins Grübeln. War das wirklich der Beruf, den er erstrebte? Verhasst, geheim, nicht mehr frei auftreten können, sich immer bedeckt und versteckt halten. Sich mit Rüpeln abgeben, die ihre Arbeit in seinem Auftrag ohne Hirn und brutal erledigten. Immer wieder ausweichen, lügen und seinem Auftraggeber völlig ausgeliefert. Unter der heissen Sonne schwirrten tausend Gedanken und Fragen durch seinen Kopf, seine Zunge war trocken, denn das schale, lauwarme Wasser aus seiner Fellflasche schmeckte scheusslich, während sein Esel stur über die steinige Wüstentrasse trottete. Die Sonne stach heiss und der Horizont sirrte und flimmerte mit vielen Trugbildern. So sehr war er in seine wirren Gedanken vertieft, dass er langsam in sich versank und vom Esel fiel.

Ein stechender Schmerz im Kopf erweckte ihn aus seiner Ohnmacht. Der Esel stand unbeteiligt glotzend neben ihm und kaute geschickt an einer Distel. Hilflos starrten ihn seine Begleiter an. Ohnmachttrunken betastete er sich, ob er sich etwas gebrochen hätte. Überall hatte er Schmerzen und Schwellungen, aber gebrochen war scheinbar nichts. Er musste wohl mit seinem Kopf hart aufgeschlagen sein. Mühsam bestieg er wieder den Esel und trieb das Tier in Richtung Damaskus, um schnelle Hilfe zu suchen. Mit Mühe und nur unter Qualen schleppte er sich dort angekommen durch das Stadttor, erkundigte sich sofort nach einem jüdischen Heiler und wurde an einen Juden namens Ananias verwiesen. Jetzt half ihm das Empfehlungsschreiben des Hohepriesters aus Jerusalem, denn die Juden in der Diaspora freuten sich über jeden Kontakt mit einer Persönlichkeit aus der Hauptstadt ihres Glaubens. Seinen Begleitern befahl er, in der Stadt unterzutauchen und sich ruhig zu verhalten.

Ausser von den Kopfschmerzen, die immer wieder stechend bohrten, erholte er sich relativ schnell von seinem Sturz vom Esel. Mit seiner Empfehlung des Hohepriesters konnte er natürlich mit keinem über seinen Sturz vom Esel reden, denn Abgesandten seines Kalibers durfte so etwas nicht passieren. Er hätte sich nur lächerlich gemacht. Mit seiner eloquenten Art fand er schnell Zugang zur jüdischen Gemeinde und entdeckte, dass es da wirklich Zugezogene aus Jerusalem gab, die Gedankengut ähnlich dem der Nazarener vertraten. Überhaupt erfuhr er jetzt erst richtig, was diese Nazarener eigentlich predigten.

Und Shaul begann die Arbeit gemäss seinem Auftrag. Erst einmal musste er herausfinden, wer der Kopf der Nazarener in Damaskus war. Darüber begannen sich einige Juden zu wundern, denn was hatte das mit seinem Interesse für die Lehre der Bewegung zu tun. War er vielleicht gar ein Spion des Hohe-priesters? Was wollte er denn eigentlich von den Nazarenern? Verwunderung wurde zu Argwohn und die eingestammten Juden sprachen mit den Zugereisten über ihre Beobachtungen. Nun waren die Nazarener aber eben nach Damaskus gezogen, um sich dem Zugriff des Hohepriesters in Jerusalem zu entziehen, und jetzt streckte dieser seine Krakenarme schon wieder bis nach Damaskus aus. Ohne lange zu warten, informierten sie die nabatäische Besatzung über die Umtriebe des Shaul, ohne allerdings irgendeinen besonderen Verdacht konkret nennen zu können.

Das war den Nabatäern aber schon genug. Sie konnten keinesfalls dulden, dass ein Ausländer in ihrer gerade neu errungenen Stadt zweifelhafte Erkundigungen anstellte, und machten sich unverzüglich auf die Suche nach diesem Shaul. In allerletzter Sekunde erfuhr Shaul davon und versteckte sich wieder bei dem Heiler unter dem Vorwand, dass er doch noch Ruhe brauche und sich ein paar Tage in seine ruhige Kammer zurückziehen wolle.

Die Sache sprach sich schnell herum, zumal der bis dahin gesellige Shaul plötzlich nicht mehr aufzufinden war. Ständig patrouillierten die Nabatäer jetzt durch die Gassen von Damaskus und kontrollierten jeden einzelnen Juden. Dadurch fühlten sich nun alle Juden sehr belästigt, hatten sie doch bis dahin in Frieden gelebt und sich bestens mit der nabatäischen Besatzung arrangiert und lebhaften Handel getrieben. Den Generalverdacht mussten sie unbedingt loswerden. In typisch jüdischer Manier hielten jetzt alle Juden zusammen und suchten nach Shaul. Nach kurzer Zeit wurde er dann im Haus des Ananias gefunden, in dem er seit seiner Ankunft in Damaskus gewohnt hatte. Ihrer Sache doch nicht ganz sicher beschlossen sie, den Glaubensbruder Shaul nicht den Nabatäern auszuliefern, sondern sich seiner auf eine Weise zu entledigen, dass er eine Chance hatte, sein Leben zu retten. Der Rest war ihnen gleichgültig. Shaul schien reich genug zu sein, sich selber zu helfen.

Also packten sie ihn in der nächsten Nacht, steckten ihn gewaltsam in einen grösseren Korb und liessen ihn von der gewaltigen Stadtmauer hinab in ein Bettlerviertel vor den Mauern.

 

 

Nur weit weg von Jerusalem und Damaskus!

 

Für Shaul brach eine Welt zusammen. Er hatte total versagt. Seine Mission war kläglich gescheitert und er musste befürchten, dass das auch bald in Jerusalem bekannt wurde. Natürlich hätte der Hohepriester ihn verleugnet und alles abgestritten, weil er sonst Kopf und Amt verloren hätte.

Total im Dreck, wieder verstecken, nein, jetzt hatte er die Nase voll. Seit seiner Ankunft in Jerusalem war nichts so verlaufen, wie er sich das so sehnlichst vorgestellt und geplant hatte. Jetzt war er ganz unten, total im Dreck! Er war mit all seinen Vorhaben gescheitert. Er konnte sich jetzt nirgendwo mehr sehen lassen, überall würde ihn nur Strafe oder Spott erwarten.

Trotzig und verbissen suchte er nach einem Ort, wo er erst einmal untertauchen könnte. Geld hatte er noch genug, denn bei der Durchsetzung ihrer Macht waren die Saduzzäer nicht kleinlich. Geld stinkt schliesslich nicht! Das hatte er schon in Tarsus und dann auch in Jerusalem gelernt. Auf jeden Fall nur weit weg von Jerusalem und den Nabatäern, aber möglichst im römischen Machtbereich, denn damit hatte er in Tarsus beste Erfahrung gemacht. Die nächste Grenze war die zu den Parthern. Ja, entlang der grossen Karawanenstrasse über Palmyra in Richtung Euphrat, da hätte er eine gute Chance, unbekannt abzutauchen. Auch könnte er sich möglicherweise einer grösseren Karawane mit Kamelen anschliessen, um den langen Weg nicht allein und zu Fuss oder auf dem Rücken von Mieteseln zurücklegen zu müssen. Und in einer grossen Karawane war er auch gegen räuberische Überfälle gut geschützt. Also machte er sich auf die grosse Handelsstrasse von Damaskus nach Mesopotamien, vielleicht in die Gegend um Edessa, wo er wenigstens persönlich sicher sein konnte, denn dort hatten die Römer mit ihrer III. und IV. Legion die Lage ziemlich unter Kontrolle.

Dort angekommen war Shaul zwar unbekannt, aber durchaus gefragt. Jetzt kamen ihm wieder seine Handwerkskünste als Sattler und Zeltmacher zugute. Unzählige Karawanen zogen durch diese Gegend, also genügend Arbeit, um nicht nur zu überleben, sondern auch schnell zu einem gewissen Wohlstand zu kommen.

Er kannte hier zwar niemanden und keiner wollte wissen, wo er denn herkäme. Aber das war ihm gerade recht. Er hatte jetzt Ruhe zum Nachdenken und Pläne schmieden. Zeitweilige Kopfschmerzen quälten ihn zwar immer noch, aber sein Verstand war nach wie vor scharf, allerdings auch nicht gefordert. Die Arbeit ging im leicht von der Hand, er fühlte sich nicht ausgelastet. Und wieder kamen ihm die Gedanken wie in Tarsus, als er mehr wollte als nur Sattlern und Zelte machen.

Nach wie vor strebte er nach Höherem. Was hatte er denn aus all seinen bisherigen Erfahrungen gelernt, einmal davon abgesehen, dass er immer wieder gescheitert war? Seine Jugend in Tarsus war eigentlich das Schönste. Unbekümmert leben und lernen. Griechisch in Wort und Schrift. Die Schriften der Gnosis und die Septuaginta lesen und den Attis-Kult mit dessen Blutopfern und rauschenden Festen und Umzügen erleben und geniessen. Nüchtern betrachtet, musste sich Shaul eingestehen, dass er doch sehr stark hellenistisch geprägt war. Dann seine Rabbinerschule dort und die faszinierende jüdische Philosophie. Jedes für sich war doch an sich wunderbar! Nur seine Erfahrungen in Jerusalem hatten ihn sehr enttäuscht. All diese jüdischen Schulen mit ihren komplizierten Anschauungen. Und immer wieder das Gezänk um die Einhaltung der Gesetze. Die Beschneidung und Fixierung auf das Gemächte waren doch an sich lächerlich. Was hat das eigentlich mit Glauben zu tun. Und dann all diese Essensvorschriften. Das nicht und das auch nicht, das nur so und dieses wieder ganz anders. Das war in Tarsus doch alles viel einfacher. Dort konnte man im Attis-Tempel billig das Fleisch der Opfertiere kaufen oder gar kostenlos ergattern, und es bedurfte nur einiger Gesten und Zeremonien, um den Zorn der römischen Götter von sich fern zu halten.

Allmählich dämmerte in Shaul ein Gedankengebäude, mit dem er als Lehrer einer neuen Schule doch noch sein Ziel als angesehener Gelehrter erreichen könnte. Also, die Menschen brauchten etwas, von dem sie irgendwie schon gehört hatten, etwas mit dem sich alle identifizieren konnten, ohne übermässige Vorschriften, aber mit einer Vision. Shaul hatte niemanden, mit dem er sich über seine Vorstellungen und Gedanken austauschen konnte. Stunden- und tagelang grübelte er über seine neuen Gedanken. Pergament um Pergament kritzelte er voll, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Langsam nahmen seine Überlegungen Form an, fand sein Gedankengebäude eine Struktur.

Drei Grundideen wollte er harmonisch verbinden. In seinem eigenen Leben in Tarsus war er mit der Gnosis vertraut und hatte erfahren, dass das Menschsein an sich miserabel war und einer Errettung durch ein höheres Wesen bedürfe. Aus dem Attis-Kult kannte er den sterbenden und wieder auferstandenen Gott mit dem Blutopfer zur Erlösung. Und glich Baal-Taras nicht verblüffend jenem Jeshua, der ja auch auf die Erde gekommen sein soll, um durch seinen Tod die Menschen von ihren Sünden zu befreien und dann auch noch wieder aufzuerstehen. Auch der Mitras-Kult, dem bevorzugt die römischen Besatzer und Truppen huldigten, ging auch in diese Richtung und könnte daher seine Lehre bei den Römern sympathisch machen. Aus der jüdischen Philosophie kannte er zahlreiche Versprechungen und weise Sprüche betreffend ein gottgefälliges Wohlverhalten und die unermessliche Tradition. Besonders die von ihm so hart verfolgten Nazarener hatten da einige gute Ideen. Da sollte es einen Messias geben, der von Gott geschickt auf die Erde kam zur Erlösung von den Sünden durch sein eigenes Opfer. Und dann soll der sogar noch auferstanden sein, dann allerdings verschwunden. Das waren ja doch im Grunde ähnliche Ideen wie in der Gnosis und dem Baal-Taras-Kult: Herabkunft eines göttlichen Wesens und blutiges Opfer zur Befreiung von Sünde und Errettung. Die Vorstellung eines Messias gab es so ausgeprägt zwar nur bei den Nazarenern, war aber an sich gut mit jüdischem Gedankengut vereinbar, weil es schon in den Schriften immer wieder Messiasse gab. Und natürlich ist es immer gut und auch notwendig, neue Gedanken auf anerkannte Prinzipien zu stützen, sozusagen die ultimative Entwicklung bekannter Gedanken zu lehren. Damit konnte seine Lehre nicht als persönliche Phantasterei abgetan werden, sondern er war nur der Lehrer eines wohl fundierten und historisch begründeten Lehrgebäudes.

            Besonders von einer Idee war er geradezu besessen. Da gab es doch sehr viele Übereinstimmungen zwischen den Mysterien und den Juden, wie z.B. das gemeinsame Essen und der Opfergedanke. Wie wäre es nun, wenn man das allen Juden vertraute gemeinsame Abendmahl verbinden würde mit Opfermystik. Essen nicht nur um zu essen, sondern damit mystisch, kultische Vorstellungen verbinden. Dann hätte man doch eine zentrale Zeremonie, der sich vielleicht Juden wie Nicht-Juden anschliessen könnten. Und das wäre auch praktisch, weil man nicht an einen Ort oder Tempel gebunden ist. Nur mit dem Wein als Blut musste er sich etwas einfallen lassen, denn Blut war den Juden verhasst. Einfacher schien ihm da schon die Initiation durch die weithin bekannte und unverfängliche Taufe.

Drei Jahre hatte er nun schon am Euphrat verbracht und es drängte ihn jetzt zurück in seine vertraute Welt. Heimweh hatte er nicht, es gab da keine Frau, die auf ihn wartete oder die er haben wollte. Er wollte nur in eine vertraute Umgebung, in der er sicher war und in der er seine neuen Gedanken diskutieren konnte.

 

Von Shaul zu Paulos

 

Aber nach allem, was passiert war, musste er neu auftreten, den alten Ballast abwerfen. Äusserlich hatte er sich nur wenig verändert, sein Kopfhaar war zwar sehr schütter geworden und sein Bart deutlich länger, aber das schien ihm nicht genug. Also entschied er sich zur Änderung seiner Identität. Er änderte seinen Namen von Shaul nach Paulos. Das klang zwar ähnlich, hatte aber nichts miteinander zu tun. Shaul bedeutet: „der Gewünschte“ und Paulos „der Kleine“. Es gab also keinerlei Assoziation zwischen den beiden Namen, und er konnte sich einen Versprecher leisten, denn im schnellen Gespräch würde der Unterschied kaum auffallen. Shaul war hebräisch und Paulos war griechisch-römisch, ein weiterer Grund von seiner eigentlichen Identität abzulenken.

Und ausserdem löste das seinen Konflikt, seinen Komplex, den er von Kind auf mit sich herumschleppte. Seine gottesfürchtigen Eltern hatten ihm diesen königlich jüdischen Namen gegeben, der aber so gar nicht zu ihm passen wollte. Er war klein und vielleicht durch seine seit frühester Kindheit sitzende Haltung in der Werkstatt des Vaters etwas krummbeinig. Er war überhaupt kein attraktiver Mann. Mädchen konnte er nicht imponieren, ausser durch seinen Wohlstand. Ansonsten konnte er mit ihnen nichts anfangen, hatten sie doch keinerlei Bildung und versuchten es immer wieder nur mit körperlichen Vorteilen und zweifelhaften Angeboten. Paulos passte wirklich viel besser zu ihm und erweckte keine falschen Vorstellungen.

 

 

Wieder in Tarsus

 

Nach Jerusalem oder Damaskus konnte er auf keinen Fall zurück. In Jerusalem hätte er alle Juden und die Sadduzäer gegen sich und in Damaskus stand er immer noch auf der Fahndungsliste der Nabatäer. So schlug Paulos seine Zelte am Euphrat ab und schloss sich einer Karawane nach Tarsus an. In seiner Geburtstadt war er sicher und stand im Zweifel unter dem Schutz der Familie und der Römer. Gerade war Claudius neuer Kaiser in Rom geworden und auch ein neuer Hohepriester namens Simon Kantheras war in Jerusalem eingesetzt worden.

Die Rückkehr nach Tarsus war zwiespältig. Natürlich waren die Eltern froh, den Sohn wiederzusehen, aber es hatte sich viel verändert. Der Vater hatte einen Partner ins Geschäft genommen und war auf die Arbeit seines Sohnes nicht mehr angewiesen. Zuhause konnte er selbstverständlich wohnen und auch im Betrieb arbeiten. Aber das war Shaul und jetzt Paulos gerade recht. So konnte er mehr Zeit in der Synagoge verbringen und sich im Vorbringen seiner neuen Lehre üben. Schliesslich konnte er ja nach so langer Abwesenheit nicht einfach da weitermachen, wo er aufgehört hatte, er war doch zum Studium in Jerusalem fortgegangen und musste jetzt zeigen, was er gelernt hatte. Vor allem galt es herauszufinden, wie die Juden in Tarsus auf seine Ideen reagierten. Und da war er selbst überrascht. Es gab keine entrüsteten Reaktionen, allenfalls Skepsis, aber keine offene Ablehnung. Neu war für seine Glaubensbrüder, dass er da einen Christos als Heilsbringer propagierte und dass der gottgleich sein sollte. Eher noch konnten sie akzeptieren, dass die Essensgebote etwas locker gehandhabt werden sollten und dass die Beschneidung nicht das entscheidende Merkmal seiner Lehre sei. Paulos selbst war ja auch kein Volljude und wie seine Eltern nur gottesfürchtig. Und für die galten ja nur die noahschen Vorschriften. Vorteilhaft für Paulos war, dass auf seine Ideen auch und besonders Nicht-Juden ansprachen. Diesen wurde nämlich ein Heil versprochen, von dem sie noch nie gehört hatten, alles fokussiert auf einen gottgleichen Christos. Die lächerliche Beschneidung war auch nicht notwendig, und das Opferfleisch konnte man sich weiter billig beim Attis-Tempel besorgen. Seine Lehre war neu und vielversprechend. Auch sollte die strenge Befolgung der Gesetze, die man sowieso nicht verstand, nicht mehr notwendig sein. Es sollte jetzt ausreichend sein, nur an diesen Christos zu glauben. Also, das schien doch vielen möglich. So bildete sich sehr bald eine Gruppe heraus, die sich besonders aus Gottesfürchtigen, Freien und Sklaven zusammensetzte und der Lehre von Paulos folgte. Auch stiess seine neue Zeremonie vom Abendmahl, oder Mahl des Herren, wie er es nannte, auf begeisterte Zustimmung. Freies Essen und Trinken war für viele Teil ihres Überlebenskampfes.

Aus der kleinen Gruppe wurde eine Gemeinde, die sich jetzt auch ausserhalb der Synagoge versammelte. Zum ersten Mal tauchte für seine Anhänger der Begriff der Christen auf. Und Paulos beharrte sehr auf diesem griechischen Namen Christos, denn Jeshua war zu banal und allenfalls eine Verständigungsbrücke zu den Ideen der Nazarener in Damaskus und zum Judentum. Das weckte natürlich Argwohn und Neid bei den orthodoxen Juden.

            Aber noch war Paulos nicht richtig organisiert. Er hatte unter seinen Anhängern zwar einige eifrige Mitarbeiter, insbesondere den jungen Silas, aber es fehlte noch die schriftliche Grundlage. Noch galt nur sein Wort, und das konnte man verstehen oder aber auch verdrehen. So dauerte es dann auch nicht lange, bis die anderen Juden der Gemeinde in Tarsus nach Jerusalem vermeldeten, dass es hier einen Paulos gäbe, der für sie verwirrende Ideen von einem Messias verbreite, die von der strengen jüdischen Lehre deutlich abwichen.

Prompt reagierte die jüdische Gemeinde in Jerusalem und zitierte diesen Paulos aus Tarsus in die Hauptstadt der Juden. Man wollte aus seinem Munde wissen, was da in der Diaspora vor sich ging. Paulos wollte in Jerusalem aber auf keinen Fall die Grundideen seiner neuen Lehre darlegen, sondern nur allgemein und prinzipiell über den Zugang zum jüdischen Glauben sprechen.

Und dann musste er irgendwie dafür sorgen, dass er in Jerusalem nicht erkannt wurde. Sein neuer Name war an sich unverfänglich, aber mit den Saduzzäern durfte er auf keinen Fall Kontakt haben. Das Gedächtnis einer Behörde ist ähnlich dem eines Elephanten. Und er musste unbedingt vermeiden, öffentlich aufzutreten.

Also griff er zu einer List. Über eine gewissen Barnabas, der eine leitende Rolle in der jüdischen Gemeinde von Antiochia hatte, suchte er gezielt nach einer Einführung bei Jakob und Simon, von denen er zwar aus seinen Untersuchungen damals wusste, die er aber in Jerusalem nie gesehen hatte und die ihn daher von Angesicht nicht kannten.

 

Wieder in Jerusalem

 

In Jerusalem konnte er wieder unauffällig bei seinem Cousin unterschlüpfen. Mit der Empfehlung des Barnabas fand er dann Kontakt zu Jakob und Simon und führte mit diesen und nur mit diesen intensive Gespräche über seine gottesfürchtig geprägten Vorstellungen über die Bedingungen des Zugangs zum jüdischen Glauben. Für ihn als Gottesfürchtigen und auch für einen Volljuden gab es eindeutige Regelungen bezüglich Beschneidung und Essensvorschriften. Heftig gingen die Diskussionen im kleinen Kreis hin und her. Ganz so leicht wollte Jakob es dem Paulos nicht machen. Sie konnten sich zwar an den Gedanken gewöhnen, dass auch Nicht-Juden angesprochen werden durften, schliesslich war die Gottesfürchtigkeit seit Noah ein fester Bestandteil jüdischer Lehre. Aber das schien bei Paulos etwas auszuarten, und man musste zu klaren Regeln kommen. Jakob wie Simon waren von der Überzeugungskraft des Paulos beeindruckt, ebenso wie von seinen Mut, jüdische Lehre in einer nicht-jüdischen Umwelt zu verbreiten und besonders von seiner Redegewandtheit.

Nach einem zähen aber freundlichen Hin und Her einigte man sich schliesslich darauf, dass für den Zugang zum jüdischen Glauben die Noahschen Gesetze in strenger Form zwingend notwendig waren, nämlich kein Götzendienst, keine Hurerei, Mord und Raub. Beachtung der Essensvorschriften nach rabbinischer Auslegung und die Beachtung der jüdischen Feste. Ausserdem sollte er sich verpflichten, die Jerusalemer Gemeinde finanziell durch Kollekten zu unterstützen. Damit konnte Paulos leben. Sicherheitshalber liess er sich von Jakob und Simon noch bestätigen, dass sie nichts gegen seine Tätigkeit ausserhalb von Judaea hätten, und machte sich eiligst von dannen. Er hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Keiner hatte ihn in Jerusalem erkannt. Seine Maskerade war offenbar perfekt. Nun konnte er erst richtig an seine Arbeit gehen.

Zurück in Tarsus verfeinerte er seine Lehre von Christos immer mehr, liess Gnostik, Mysterien und Judentum immer inniger verschmelzen und hatte mehr und mehr Erfolg mit seiner Lehre, dass der Glaube an Christos allein selig mache. Dabei spielte er bewusst mit der Tatsache, dass der Begriff Christos für seine Anhänger einen völlig anderen Sinn hatte als der Begriff Messias für die Juden. Christos war für die Paulosanhänger schlicht ein Name für einen göttlichen Retter und Erlöser, während der Messias für die Juden ein Mann königlicher Abstammung war, der die Juden von der Knechtschaft befreien würde, ohne allerdings Gott gleich zu sein.

Aber Paulos hatte die Skepsis der Gemeinde in Jerusalem unterschätzt. Schon bald baten sie ihn, nach Antiochia umzusiedeln und dort Barnabas in der Gemeindearbeit zu unterstützen. Paulos erkannte sofort, dass das nur ein Vorwand war, ihn besser kontrollieren zu können. Das gefiel Paulos einerseits überhaupt nicht, aber andererseits sah er darin eine Chance, in einer der grössten asiatischen Städte des römischen Reiches tätig zu werden. Seine Christen-Gemeinde in Tarsos war gefestigt und unter Silas gut geführt.

 

 

Antiochia

 

Antiochia gefiel Paulos wirklich. Es war eine prachtvolle Stadt, fast so gross wie Rom, Handel und Gewerbe blühten, geistige Künste aller Art und die stark hellenistische Prägung waren die besonderen Merkmale dieser auch sehr friedlichen Stadt. Die jüdische Gemeinde war sehr gross, und es gab viel zu tun, weil sich mehr und mehr Juden römischer Vergünstigungen erfreuten und zunehmend die strengen jüdischen Gesetze nicht mehr kritiklos hinnehmen wollten. Hier konnte er seine neuen Ideen ausformulieren und lehren. In einem anspruchsvollen Umfeld konnte er seine Rhetorik und Schrift verfeinern. Hier waren genau die Leute, auf die sich Paulos konzentrieren wollte. Freigeistige Juden, gebildete Sklaven und auch Frauen und Freie. In diesem anspruchsvollen Umfeld versäumte er keine Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass auch er aus einer sehr berühmten Stadt gebürtig war.

Das von ihm zelebrierte Abendmahl fand so grossen Anklang, dass es schon bald zu Komplikationen kam. Einmal ging das Brot zu früh aus oder es gab nicht genug Wein. Ein anderes Mal waren die einen schon trunken, bevor das Brot aufgetischt wurde, oder einige wenige hatte vor lauter Hunger alles Brot aufgegessen. Für Paulos entstand ein ernstes Beschaffungsproblem, weil nach einfachen Anfängen seine Gemeinde nun starken Anklang fand und wuchs. Nach anfänglichem Reden wie mit Engelszungen musste er jetzt gegen Auswüchse wettern. Zunehmend passten ihm auch die lockeren Sitten nicht. Schnell musste er feststellen, dass er sich nicht nur um die Verbreitung seiner Lehre kümmern musste, sondern ganz allgemein um soziale Probleme. Und da stand er sich oft selbst im Weg. Seine asketischen Vorstellungen vom Umgang mit Frauen passten einfach nicht zu den Vorstellungen einer Gesellschaft in vollem wirtschaftlichem Aufschwung, die nur allzu gerne dem römischen carpe diem verfiel. Die Ehe nur zur Lustbefriedigung des Mannes, ohne das Recht der Frau auf Scheidung und Wiederverheiratung passte nicht nur nicht zum neuen Lebensstil, sonder war auch vollkommen konträr zur jüdischen Auffassung in Sachen Ehe. Hier kam er mit seinen zölibatären Lebensvorstellungen nicht so recht durch, aber das war ja auch nicht wesentlich für den von ihm gelehrten Christos-glauben. Erst musste er jetzt dafür sorgen, dass nicht jeder Hehler, Stehler, Faulpelz oder Knabenschänder zu seinen Versammlungen kam. Und denen, die kamen und hereingelassen wurden, musste er beibringen, dass und wie sie sich zu benehmen hatten und alle aufeinander warten mussten, bis das Ritual des Abendmahles gleichzeitig für alle begann.

Aber das konnte er nicht alles allein. Er brauchte Helfer, Mitarbeiter, weil er seine Autorität nicht durch niedrige Arbeiten kompromittieren durfte. Also musste eine Hierarchie herbei. Er stand als von Gott selbst berufener Gesandter natürlich an der Spitze. Er war Paulos Apostolos. Dann sollte es unter ihm Propheten, Vorsteher, Helfer und Mitarbeiter geben, die für ein geregeltes Gemeindeleben verantwortlich sein sollten. Also arbeitete er beharrlich an einer Führungsstruktur, und zwar mit grossem Erfolg. Auf einen Posten ist jeder scharf, besonders weil Bezahlung vorgesehen war.

Sein besonderes Augenmerk legte er darauf, aus den manchmal wilden Abendmählern ein echtes Ritual zu machen. Energisch begann er, seine Gemeinde daran zu gewöhnen, dass es sich dabei um das Mahl des Herrn handele, dass man sich also benehmen müsse. Seine Gemeinde in Antiochia nahm das auch zunehmend ernst, ohne allerdings zu wissen, dass Paulos diesen Begriff aus dem ihm aus Tarsus wohl bekannten Mysterienkult entlehnt hatte. Das neue Mahl des Herrn wurde auch zunehmend mit Geheimnisvollem umgeben, also mystifiziert. Paulos sprach stets ein geradezu mystisches Gebet mit einer Mischung aus Gott, Fleisch, Brot, Opfer, Blut, Wein und Erlösung. An Geheimnisvollem wollen immer alle teilhaben. Man fühlt sich geehrt und auserlesen, wenn man in Geheimes eingeweiht und einbezogen wird. So schien es Paulos ebenso einfacher wie überzeugender, seine Anhänger über das Abendmahl in die Geheimnisse seines Erlösergottes Christos einweihen zu können. Ansonsten gliederte er sich geschickt in das Leben der jüdischen Gemeinde ein, und Barnabas mischte sich auch nicht besonders ein, weil er Paulos in Bezug auf dessen Messiaslehre nicht gewachsen war und auch ständig mit der Überwachung der Reinheitsgebote voll beschäftigt war.

Während in Tarsus keiner nach der Herkunft seiner neuen Ideen gefragt hatte, weil er dort Ansehen genoss und gute Beziehungen hatte, musste er sich in Antiochia zunehmend die Frage gefallen lassen, woher er denn seine Ideen hätte. Feierlich berief er sich dann auf eigene Eingebungen und auf Offenbarungen direkt von jenem Christos Jeshua, den keiner kannte und von dem man allenfalls hinter vorgehaltener Hand von allerlei wirren Vorkommnissen irgendwie gehört hatte. Konsequent vermied es Paulos auch, auf irgendwelche Details aus dem Leben dieses nebulösen Jeshua einzugehen. Er selbst hatte ihn nicht kennengelernt und verlässliche Nachweise oder Überlieferungen gab es nicht. Er selbst hatte in Damaskus nur vom Hörensagen über diesen Jeshua erfahren. Auch auf die Mysterien und die Gnostik berief er sich und vor allem an jeder passenden Stelle auf die Torah. Daraus zitierte er reichlich, wenn es galt, seine Lehre zu stützen. Die Mehrheit seiner Anhänger konnte sowieso nicht nachprüfen, ob sein Zitat richtig war oder völlig aus dem Zusammenhang gerissen.

Langsam verfestigten sich seine Ideen um das zentrale Ritual des Mahls des Herren im Mittelpunkt seiner Lehre und zur Unterscheidung von den strenggläubigen Juden. Barnabas war zwar lästig, weil er immer im Hintergrund nörgelte, aber er könnte wegen seiner weitreichenden Beziehungen auch nützlich sein. Paulos war sich ziemlich sicher, dass er Barnabas durch seine Redekunst und überhaupt durch seine Bildung überlegen war und in Zaum halten könne. Ärgerlicher waren da eher die wiederholten Visitationen aus Jerusalem.

Ganz unangenehm war die Geschichte mit dem Simon, als der einmal in Antiochia weilte. Zuerst hatte der sich nämlich ganz gut in das Gemeindeleben integriert und keinerlei Schwierigkeiten mit dem Mahl des Herrn zusammen mit den paulinischen Gemeindemitgliedern. Erst als überraschend auch noch eine von Jakob geschickte Gruppe kam, kam es zum Eklat. Plötzlich wollte Simon nicht mehr am Mahl des Herrn teilnehmen, und es entspann sich ein aberwitziger Streit über die Reinheitsgebote und deren Befolgung in Antiochia. Das konnte und brauchte sich Paulos aber nun wirklich nicht gefallen lassen. Er konnte sich ja auf die Beschlüsse in Jerusalem bei seinem Besuch dort berufen, alles andere war Haarspalterei. Sollten die aus Jerusalem sich um Judaea kümmern, hier war sein Territorium. Die Visitation endete im Krach, und Sieger war Paulos. Bürger aus dem freien Antiochia wollten sich von Nörglern aus Jerusalem nichts sagen lassen.

Nicht nur in Antiochia wuchs und blühte seine Gemeinde. Auch im Umland gründete er oder seine Mitarbeiter Gemeinden, so dass seine Lehre vom Christos weit über Antiochia hinaus bekannt und gepflegt wurde.

Unter diesen Umständen und nach Festigung seiner Position und Gemeinde in Antiochia und Umgebung schien Paulos die Zeit reif für eine weitere Verbreitung seiner Christos-Lehre. Barnabas kannte den Präfekten von Zypern, wo er geboren war, und per Schiff konnte man direkt von Antiochia aus reisen. Es gab da einen regelmässigen Schiffsverkehr zwischen Seleukia, der Hafenstadt 30 km vor Antiochia, und Salamis auf Zypern.

 

 

Die erste Reise von Paulos nach asia minor

 

Barnabas hatte pflichtbewusst alles gut vorbereitet. Und so schiffte man sich im Jahre 9 der Herrschaft des Claudius mit einer kleinen Gruppe nach Salamis ein. Die Überfahrt bekam Paulos gar nicht. So übel war ihm noch nie gewesen. Krank kam er in Salamis an, da waren wieder seine stechenden Kopfschmerzen, kein glanzvoller Auftritt bei seiner Ankunft.

Nach ein paar Tagen der Erholung in der Familie des Barnabas traf Paulos den römischen Präfekten und seine Frau. Beide waren von der Art, wie und was Paulos vortrug, beeindruckt. Perfekt in Griechisch vorgetragen waren seine Gedanken zwar stark von der jüdischen Philosophie geprägt, die gerade bei den Römern und Griechen verhasste und lächerlich gemachte Beschneidung war aber kein Thema und vom Abschütteln des römischen Jochs war auch nicht die Rede. Besonders gefiel der Frau des Präfekten die Idee von dem Mahl des Herren, war das doch sehr ähnlich den römischen Gelagen mit vielen Gästen. Der Präfekt hatte also nichts dagegen, dass Paulos sich frei auf der Insel bewegte.

Zypern war reich, sehr reich. Von hier wurden alle Länder im Mittelmeerraum mit Kupfer beliefert. Dieses rotbraune Metall aus Zypern war so begehrt und berühmt, dass es seinen Namen direkt vom Namen dererrschaftHerrr

 

 

 

 

H

Insel ableitete. Hier praktizierte Paulos zum ersten Mal seinen römischen Namen Paulus, denn auf der Insel gab es viele römische Ritter und Freie, die hier grosse Landgüter und Mienen betrieben. Während der Präfekt sich zwar gerne mit Paulus unterhielt, sich seinen Ideen wegen seines Amtes aber nicht anschliessen wollte und konnte, war seine Frau den Ideen sehr zugeneigt und verwickelte Paulos oft in lange Gespräche. Mit zunehmender Vertrautheit schlug sie ihm vor, doch ihre Familie in Antiochia in Phrygien an der Grenze zu Psidien zu besuchen.

            Das war für Paulos das eindeutige Signal, dass seine Lehre offenbar interessant war und Überzeugungskraft hatte, und er entschloss sich kurzerhand, seine Reise fortzusetzen. Barnabas wollte aber nicht mit. Ihn zog es vielmehr nach Antiochia am Orontes zurück, wo er endlich wieder einmal allein in der Gemeinde wirken wollte. Paulos aber durchwanderte die Insel und schiffte sich in Paphos nach Attalia ein.

            Dort hielt es ihn trotz des lebhaften Treibens einer Hafenstadt nicht lange und neugierig machte er sich auf den Weg nach Norden. Sein Empfehlungsschreiben der Frau des Präfekten von Zypern eröffnete ihm Tür und Tor. Je tiefer er ins Landesinnere vordrang, umso weniger jüdische Gemeinden fand er vor. Seine Vorträge über Christos als zentraler Gestalt mit all den Zeremonien und Vorhersagen der Erlösung von allem Elend allein durch Glauben an eben diesen Christos hatten grossen Zulauf. Und das Mahl des Herren fand stets grossen Zuspruch, selbst wenn man die geheimnisvollen Gebete nicht auf Anhieb verstand. Überall hinterliess er einen guten Eindruck und erhielt viele Einladungen zu einem neuerlichen Besuch.

            Die Reise schien Paulos ein grosser Erfolg. Auch in Antiochia hielt er sich trotz überaus freundlicher Aufnahme bei der Familie der Frau des Präfekten nur solange auf, bis er auch hier eine kleine Anhängergemeinde gegründet hatte. Immer mehr stellte sich heraus, dass das Mahl des Herren als zentrale Zeremonie gerne angenommen wurde, selbst wenn er nicht persönlich anwesend sein konnte. Bei Brot und Wein diskutiert es sich gut über die Ideen dieses beredten Paulos, der die vertrauten Bräuche um die Blutopfer im Tempel so trefflich mit interessanten Zitaten aus der jüdischen Philosophie untermauern konnte. Das war alles neu und vielversprechend, und darüber hinaus auch relativ einfach zu befolgen, brauchte man doch nur an diesen Christos zu glauben.

            Iconium, Lystra und Derbe waren dank entsprechender Empfehlungen die nächsten Stationen, erwiesen sich aber schwieriger als nach den bisherigen Erfolgen erwartet. Die Juden in Lystra wollten nichts von seiner neuen Lehre wissen und verjagten Paulos kurzerhand aus der Stadt. Derbe wurde so mehr zum Fluchtort als Ziel seiner Reise. Um aber den Erfolg seiner Reise bis dahin zu festigen, entschloss er sich, auf praktisch demselben Weg wieder zurück über Perge nach Attalia zu reisen. So konnte er seine neuen Anhänger nochmals besuchen, das Vertrauen vertiefen. Von Attalia ging es dann direkt per Schiff zurück nach Antiochia.

 

Wieder in Antiochia

 

In Antiochia hatte sich die Reisetätigkeit von Paulos schon herumgesprochen, leider aber nicht nur positiv. Barnabas hatte offenbar gestänkert, weil nicht er sondern Paulos so viel Erfolg auf Zypern hatte. Vom Rest der Reise konnte dann Paulos überzeugter denn je berichten, dass seine Lehre viele Anhänger gefunden hatten. Das aber brachte die strengeren Mitglieder der jüdischen Gemeinde um Barnabas auf, weil die sich absolut nicht damit abfinden wollten, dass man auch ohne Beschneidung und strenge Befolgung der Essensvorschriften Mitglied einer jüdischen Gemeinschaft werden könnte.

Mit seinem von Jakob selbst bestätigten Missionsauftrag im Rücken liess es Paulos auf einen Krach und Bruch mit Barnabas ankommen. Seine Anhängerschaft in Antiochia war mittlerweile so gross geworden, dass er sich auch alleine durchsetzen konnte. Seine Christen standen geschlossen hinter ihm. Aber das Gezänk ging weiter und auch das Kolportieren seiner Untaten nach Jerusalem. Paulos musste also um den Erfolg seiner Reise fürchten. Jetzt wurde er erst recht energisch. Nichts mehr dem Zufall überlassen, nicht mehr zulassen, dass seine Ideen verunglimpft, verformt oder gar verurteilt würden.

Dass er wortgewaltig war, hatte er gerade auf seiner Reise demonstriert. Jetzt besann er sich auf sein zweites Machtmittel, aufs Schreiben. So entschloss er sich, an alle Gemeinden, die er soeben besucht hatte einen Brief zu schreiben, den er wegen des grossen betroffenen Gebiete generell an die Galater adressierte. Zwei Ziele wollte er damit verfolgen, nämlich zum einen seine Gedanken schriftlich niederlegen und so zur Grundlage der Gespräche in fernen Landen machen, wenn er nicht vor Ort war, und zum anderen möglichen Intrigen seitens der jüdischen Gemeinde in Jerusalem vorbeugen und üblen Nachreden die Basis nehmen. Seit seinen gescheiterten Studien in Jerusalem wusste er um die Macht des geschriebenen Wortes. Und da hatten ihm die Nazarener nichts entgegenzusetzen. Die verhielten sich ruhig und bedeckt, nur ja nicht auffallen und warten bis der Messias endlich zurückkommt und die Juden befreit. Paulos liess seinen Brief an die Galater von Schreibern in seiner Gemeinde mehrfach abschreiben und an alle besuchten Orte und seine Anhängergemeinden dort verschicken.

In den knapp zwei Jahren seiner Abwesenheit von Antiochia war seine Gemeinde auch ohne ihn gewachsen. Antiochia war seine Hochburg geworden, weit weg von Jerusalem und nahe dem Gebiet, das ihn besonders interessierte. In seinen Vorstellungen wollte er in der Provinz Asia und im griechischen Raum wirken und über Ephesus dann schliesslich vielleicht auch noch nach Rom gelangen. Aber bis dahin war noch viel zu tun.

Beflügelt durch den Erfolg seiner ersten Reise, machte er sich an die Vorbereitung seiner nächsten Reise. Durch die erste Reise schlau geworden, plante Paulos, mehr über Land zu reisen. Das war zwar langsamer, aber man traf mehr Leute. Also Tarsus sollte er unbedingt noch einmal besuchen und dann über Derbe, Lystra und Antiochia in Phrygien nach Troas. Erst von dort wollte er mit dem Schiff nach Philippi auf das griechische Festland übersetzen. Dann weiter nach Thessalonich, hinunter nach Athen, hinüber nach Korinth, von dort nach Ephesus und wieder zurück in seine Heimatgemeinde Antiochia.

 

Die zweite Reise

 

Gewitzt durch das dauernde Gezänk mit den strengen Juden, bereitete er sich darauf vor, dass er in den Hafenstädten auf bestehende Judengemeinden treffen würde, abgesehen vielleicht von Korinth, das nach seiner völligen Zerstörung durch die Römer als rein römische Stadt wieder aufgebaut worden war.

Nach nur einem Jahr in Antiochia zog Paulos mit Silas los. Der erste Abschnitt seiner zweiten Reise durch die Provinz Asia war wieder ein voller Erfolg, und Paulos war für den Rest sehr motiviert. In Lystra hatte sich ihm Timotheus angeschlossen, und so fühlte er sich stark für die Städte, die er noch vor sich hatte. Mit der ihm verhassten Seekrankheit kam er in Philippi in der Provinz Makedonien an. Unerwartet stiess er auf eine sehr stark römisch geprägte Stadt. Viele Veteranen und Freie waren hier angesiedelt und die Via Egnatia sorgte für lebhaften Waren- und Personenaustausch zwischen der Adria und Thrakien.

Das Pflaster in Philippi erwies sich als schwierig. Es gab dort keine eingesessene Judengemeinde, an die er sich wie immer zuerst wandte. Also musste er seine Reden auf der Agora halten. Und wieder dasselbe Bild. Es waren wieder die Gottesfürchtigen, die Sklaven, Freien und Frauen, die ihm zuhörten und seine Ideen gut fanden. Endlich etwas, was sie auf Anhieb verstehen konnten, keine zwingenden Regeln, Gebote und Gesetze. Nur Glauben und dem Kaiser Zoll zahlen. Das konnte doch jeder. Eine Pupurhändlerin namens Lydia bot Paulos und seinen Gefährten Unterkunft. Sie war unabhängig und konnte sich in dieser römischen Stadt frei bewegen. In ihrem Haus verbreitete Paulos seine Lehre vom alles erlösenden Christos. Hier zelebrierte er seine Mähler des Herren.

Trotz seiner grundsätzlichen Abneigung gegenüber Frauen sah Paulos in Lydia eine zuverlässige Mitarbeiterin, zumal sie keine Beziehung zu Männern zu haben schien. So wurde das Haus der Purpurhändlerin die Keimzelle für seine erste Gemeinde ausserhalb der Provinz Asia. Aber ein Dämpfer folgte prompt.

Strenge Juden hatten sich bei der römischen Stadtkommandatur beschwert und Paulos umstürzlerischer Umtriebe bezichtigt. Daraufhin nahm der Stadtkommandant Paulos sicherheitshalber erst einmal fest. Natürlich erzählt Paulos, dass er aus der civitas libera Tarsus gebürtig und angesehener Bürger der Stadt Antiochia am Orontes ist, wo er an sich regelmässig lebt. Schnell enttarnte er die Vorwürfe der Juden als typisch jüdisches und rein religiöses Gezänk, an denen der römische Stadtkommandant nun wirklich kein Interesse hatte. Also liess er Paulos umgehend wieder frei. Gleichwohl war Paulos wegen der Anfeindungen so verärgert, dass er unverzüglich nach Thessalonich weiter reiste.

In Thessalonich konnte er zwar in der Synagoge auftreten, aber warm war der Empfang nicht. Er war kein authentischer Jude aus Jerusalem und als nur Gottesfürchtiger von den strenggläubigen Juden nur mit geringschätziger Verachtung geduldet. Aber mehr und mehr wollte er mit diesen sturen Köpfen sowieso nichts mehr zu tun haben und sich auf seine dankbaren Zuhörer konzentrieren. Das waren wieder die Gottesfürchtigen, Unfreien und Frauen. Warum gerade die Frauen, konnte sich Paulos nicht so recht erklären. Ausser der Gleichstellung vor Gott hatte er der Frau keine besondere Stellung in der Gemeinde eingeräumt, es sei denn, sie konnte zum Halt der Gemeinde wirtschaftlich beitragen. Aber schon das schien den Frauen zu imponieren. Und bei der Vorbereitung des Mahls des Herrn konnten sie sich auch nützlich erweisen und viel Lob ernten. So gelang Paulos auch in Thessalonich die Gründung einer kleinen Gemeinde. Allerdings musste er sich bald aus dem Staub machen, weil die Feindseligkeiten seitens der eingesessenen Juden schier unerträglich wurden. Über Beroea ging es dann über Land in Richtung Athen. Dort hoffte Paulos auf aufgeklärte Griechen zu treffen, die seinen neuen Ideen sicher aufgeschlossen waren.

Athen wurde ein Desaster. Er durfte zwar auf der Agora, gleich neben dem Areopag, reden, wie das an sich von den Athenern jedem Redner von Ruf zugestanden wurde, aber mit seinem Griechisch und seiner Auslegung der Gnosis, der Mysterien und der alten jüdischen Schriften konnte er die anspruchsvollen Athener nicht überzeugen. Hier umstanden ihn nicht ein paar ungebildete Menschen aus aller Herren Länder. Es waren alles gebildete Leute, die lesen und schreiben konnten. Im Schatten der Akropolis mit dem mächtigen Tempel zu Ehren der Göttin Athene war er geistig überfordert, konnte mit den Athenern in einer lebhaften Diskussion nicht mithalten. In Athen musste Paulos zum ersten Mal feststellen, dass er die geschliffene Rhetorik der Rabbiner eben doch nicht beherrschte, so sehr er sich auch bemühte, sich elegant und schlüssig auszudrücken. Er wurde einfach ausgelacht.

Das schmerzte ihn mehr als körperliche Strafe oder Entbehrung. Nur weg von hier! Die haben wirklich nichts verstanden, die Grösse seiner Ideen überhaupt nicht erkannt. Deren Köpfe waren noch voll alter und längst überholter Philosophie, ihr Blick total versperrt für Neues. Sein Christos als von den Toten auferstandener Gott fand nur Spott. Seine Kritik an den Griechischen Göttern wurde scharf niedergeschrien.

            Und doch wieder jener scheinbar unerklärliche Erfolg. Ein Areopagit und eine Frau zeigten sich interessiert. Intensiv diskutierte Paulos mit ihnen und versprach weitere Erläuterungen. Aber jetzt musste er erst einmal weg aus dieser Stadt seiner ersten öffentlichen geistigen Niederlage.

            Korinth war sein Ziel. Hier versprach er sich Neutralität und Ruhe in einer durch und durch römisch strukturierte Stadt. Zu allem Überdruss ging das Geld aus, und in Korinth kannte er niemanden.

 

Korinth

 

Korinth war eine besondere Stadt. Mit ihren zwei Häfen war Korinth der Dreh- und Angelpunkt zwischen Rom und Kleinasien. Hier gab es grosse Handelshäuser, hier gab es Nobelvillen und Geld scheinbar im Überfluss. Das Leben in Korinth war völlig auf materiellen Erfolg ausgerichtet. Ritter und Freie arbeiteten und handelten hier skrupellos mit allem, was zu Geld zu machen war.

Aber die beiden Häfen brachten nicht nur Geld und Wohlstand in die Stadt, sondern sogen auch Elend und Kriminalität auf wie ein Schwamm. Hier konnte man schnell Geld machen und in dem grossen Durcheinander untertauchen. Kontrolle seitens der Römer schien es nicht zu geben. Korinth war auch die erste grosse Stadt, die Juden aus Rom ansteuerten, nachdem sie durch Kaiser Claudius von dort ausgewiesen worden waren.

Korinth in jenen Tagen war der Inbegriff aller Verderbtheit. Neben den rohen und lockeren Sitten fiel ihm das selbstsichere Auftreten der Frauen auf. Für Paulus so doch nicht erwartet. Sie mischten sich in alles ein, redeten überall mit und wollten immer das letzte Wort haben. Von einem geordneten jüdischen Leben konnte auch keine Rede sein. Nirgendwo konnte er unterkommen oder gar lehren.

Hier musste er ganz anders vorgehen. Und so zwang ihn die Not der Situation, sich auf seine alten Tugenden zu besinnen. Zeltmacher und Sattler waren gesuchte Leute. Die römischen Besatzer, der Handel und auch die Besitzer nobler Villen hatten einen grossen Bedarf an guten Zelten, Zeltwaren und Zeug aus Leder. Also machte Paulus sich auf die Suche nach einer Möglichkeit oder Werkstatt, wo er seinen Beruf ausüben konnte. Bei dieser Suche stiess er auf einen Juden namens Aquila, der infolge der Ausweisung aus Rom unter Claudius mit seiner Frau Priscila auch in Korinth Arbeit suchte und ebenfalls als Zeltmacher ausgebildet war. Also besprach man sich und machte gemeinsame Sache. Einigkeit macht stark und zwei in einem Geschäft ist besser als sich alleine herumschlagen. Die Planung ging auf, beide kamen schnell zu wirtschaftlichem Wohlstand und Ansehen. Aus einer zunächst nur geschäftlichen Beziehung wurde eine Freundschaft. Das konnte auch den eingesessenen Juden nicht entgehen, zumal jetzt auch Aquila und seine Frau Priscila sich zu den Gedanken des Paulus bekannten. Neben den eingesessenen und eher orthodoxen Juden gab es aber auch sehr viele aus Rom zugezogene Juden, die längst die etwas lockereren Sitten der Römer angenommen hatten und sich daher zu der Lehre des Paulus eher hingezogen fühlten als zu einer streng orthodox jüdischen Befolgung der Gesetze.

So öffnete sich ein Synagogenvorsteher namens Krispus den neuen Gedanken von Paulus und liess ihn in seiner Synagoge lehren. Der Zulauf war beachtlich, und wie in Antiochia kam es auch in Korinth bald zu Schwierigkeiten beim Mahl des Herren. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, dass es da freies Essen und Trinken gäbe, und der Andrang war entsprechend gross. Man wusste zwar nicht genau worum es da eigentlich ging, aber etwas zwischen die Zähne und auch Wein waren attraktiv genug. Paulus und seine Helfer hatten grosse Schwierigkeiten all die Bettler, Taugenichtse, Taschendiebe und Huren draussen zu halten. Mehr noch als in Antiochia musste er im sittlich verrohten Korinth auf der Würde beim Mahl des Herren bestehen und strenge Regeln einführen.

Da traf es sich gut, dass Silas und Timotheus nachgereist kamen. Jetzt hatte er kompetente Hilfe und Entlastung. Auch Aquila akzeptierte, dass sich Paulus jetzt mehr und mehr um seine Predigten in der Synagoge bei Krispus kümmerte, zumal sich Paulus auf sein mittlerweile grosses Ansehen in Korinth stützen konnte, was wiederum auch den Geschäften zugute kam.

Erfolg schafft immer Neider, und so blieb es nicht aus, dass die doch relativ niedrig gehaltenen Juden sich beim Prokonsul von Achaia, Gallio, mit dem Vorwurf beschwerten, Paulus predige einen neuen Gott gegen das alte Gesetz der Juden. Aber das war genau das, worum sich die Römer überhaupt nicht kümmern wollten. Paulus kannte das schon aus Philippi, und so brauchte er sich gar nicht selbst zu verteidigen. Gallio erledigte das für ihn, indem er die anklagenden Juden zum Teufel jagte mit der Aufforderung, sich um ihre lächerlich religiösen Sachen selbst zu kümmern. Das sei nicht Aufgabe eines römischen Prokonsuls. Die Juden waren ausser sich vor Wut. Da sie dem angesehenen Paulus nichts anhaben konnten, verprügelten sie den Vorsteher der Synagoge, in der Paulus seine Predigten halten durfte. Aber das hatte eine für die Juden nicht vermutete Folge: die ganze Synagogengemeinde des so verprügelten Vorstehers trat geschlossen zur Lehre des Paulus über und bildete fortan eine starke Gemeinde der paulinischen Lehre im Hause eines gewissen Titius Justus. Damit bestand ab sofort eine eigenständige Gemeinde, die völlig im Einklang mit den Römern und von diesen unbehelligt agierte.

In Korinth wurde Paulos auch noch intensiver mit dem Mitras-Kult vertraut gemacht, der ostentativ von den Römern und deren Soldaten in Mitras-Tempeln gepflegt wurde. Dabei musste er wieder feststellen, dass es im Mitras-Kult auch um einen Gott geht, der von seinem Vater auf die Erde geschickt worden war, um die Menschen durch sein Blutopfer zu erlösen und dann wieder von den Toten aufzuerstehen. War das vielleicht der Grund, warum die Präfekten in Philippi und Korinth ihm gegenüber so entgegenkommen waren, erkannten sie in den Lehren des Paulos doch mindestens Schatten des Mitras-Kultes.

Nach 18 Monaten in Korinth brauchte Paulus unbedingt wieder etwas Ruhe. Makedonien, Athen und jetzt Korinth waren doch zuviel. Seine Kopfschmerzen nahmen wieder zu und er wurde zunehmend ungeduldig und manchmal auch jähzornig. So besprach er sich wieder mit seinem Freund Aquila und beide fassten den Entschluss, nach Ephesus zu reisen und dort ihr Glück zu versuchen. Ephesus war eine wohlbedachte Wahl. Es war die Hauptstadt der römischen Provinz Asia, gross, reich und strahlte in den ganzen asiatischen Teil des römischen Reiches aus. Geld für den Start dort hatten sie genug. Die Überfahrt von Korinth nach Ephesus war Paulus zwar ein Graus, aber es ging doch ziemlich schnell mit dem frischen Westwind im Rücken.

 

Ephesus

 

Ephesus war eine klassisch antike Stadt mit einer beeindruckenden Agora, einem grossen Theater, Prachtstrassen und Prachtbauten. Was Paulus auf Anhieb allerdings nicht passte, war der dort allgegenwärtig zelebrierte Artemis-Kult. Nicht nur dass es sich um eine Göttin handelte, auch ihre mehr als zwanzig prallen Brüste waren im zutiefst zuwider und Ausdruck unerträglicher Wollüste. Und dann noch der Handel in Verbindung mit ihrer Verehrung in und um ihren Tempel herum! Das war ja schlimmer als der Handel im Tempel von Jerusalem! Da stand ihm sicherlich eine Menge Arbeit bevor. Die erhoffte Ruhe würde er hier bestimmt nicht finden.

Aber in der viertgrössten Stadt des römischen Reiches herrschte wenigstens Ordnung. Gerade war Nero neuer Kaiser in Rom geworden, und im ganzen Reich herrschte eine Stimmung der Erwartung und des Aufbruchs. Schnell fand Aquila in der Nähe des Hafens Haus und Werkstatt für die Zeltmacherei, während Paulos sich mehr in der lebendigen Stadt umtat. Durch seinen Wohlstand konnte er dort ein eigenes Haus unterhalten, wo er die Menschen zu Versammlungen und eben auch zum Mahl des Herren einlud. Viele Freie, Juden, Sklaven und Frauen folgten seiner Einladung gerne, und schnell hatte er eine feste Gemeinde aufgebaut. Seit Korinth hatte das Mahl des Herrn eine strenge Form und stark mystischen, zeremoniellen Charakter. Das war den überdurchschnittlich gebildeten Einwohnern von Ephesus nur recht. Der Rest der paulinischen Lehre war für sie einfach zu verstehen und überzeugend. Die Lehre des Paulus erschien ihnen modern, zwar auf der Basis alter Traditionen aber ohne allzu zwingende Gesetze, für jeden nachvollziehbar und machbar. Nicht mehr diese Lächerlichkeit der zwingend vorgeschriebenen Beschneidung, keine komplizierten Essensvorschriften, klare Vorschriften für den Umgang mit der Staatsmacht und die Liebe zum Nächsten gefiel so manchem auch.

Paulos fühlte sich als Herr der Lage und konnte viele neue Anhänger mit Predigtaufgaben im weiteren Umkreis von Ephesus betrauen. So auch einen gewissen Philemon, der als überzeugter Paulusanhänger und Christ eine eigene Gemeinde in seiner Stadt Kolossä zusammen mit seiner Frau Aphia leitete. Auch die Ausstrahlung von Ephesus ins asiatische Umland kam Paulos wie vermutet zugute.

Aber dann machte Paulos einen entscheidenden Fehler, der wohl auf seine zunehmende Ungeduld und Nervosität zurückzuführen war. Er legte sich mit der Bürgerschaft von Ephesus an. Neben ihrem Charakter als Wirtschaftszentrum lebte Ephesus nach wie vor von ihrem Nimbus als Stadt der Artemis, deren Tempel einmal zu den sieben Weltwundern gehört hatte. Heute war es weniger der Kult um die Göttin an sich als vielmehr der Handel mit Silberstatuen dieser Fruchtbarkeitsgöttin. Davon lebte eine grosse Zunft von Silberschmieden und auch die Stadt mit den damit verbundenen Steuereinnahmen. Paulos hatte sich mit seinem Ansehen in der Stadt überschätzt und sich mit dem Führer der Silberschmiede, Demetrius, überworfen. Er wollte unbedingt den Handel mit dieser wollüstigen Statue in all ihren Formen Einhalt gebieten. Das Leben in der Stadt mit ihren öffentlichen Freudenhäusern war für Paulos schon schwierig genug, da wollte er wenigstens diesen unzüchtigen Handel unterbinden. Da er ausser seiner eigenen Überzeugung nichts gegen den Handel mit der Göttinenstatue vorbringen konnte, wurde er gegenüber den Händlern handgreiflich und prompt ins Gefängnis gesetzt. Nach anfänglich strenger Haft wurde er zwar dann etwas lockerer bewacht und konnte sich von seiner Anhängerschaft versorgen lassen, aber seine Freizügigkeit war stark eingeschränkt und sein Status als Gefangener schmachvoll.

Gleichzeitig kamen von überall her beunruhigende Botschaften aus seinen frisch gegründeten Gemeinden. Die Jerusalemer Juden hatten von der Reise des Paulus und seinen Aktivitäten erfahren und wollten ihn unbedingt in Jerusalem sehen, um ihn zur Rede zu stellen ob seiner Lehren über den Christos und den Glauben an diesen gottgleichen Erlöser der Menschen. Aber nun sass er hier gefangen und konnte nicht reagieren. Konsequent knüpfte er an seine Taktik an, den neugegründeten Gemeinden nach seiner Reise Briefe zur Festigung seiner Lehre zu schicken, und schrieb einen Brief an die Thessalonicher. In diesem Brief konnte er nicht nur an seine Lehre erinnern, sondern auch auf die Bedrängnis der Gemeinde eingehen, der sie offenbar von Jerusalem aus ausgesetzt war. Auch ermahnte er seine Gemeinde in Thessalonich zur ehrenhaften Arbeit: wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen!

Unendlich lange zog sich der Prozess in Ephesus hin. Demetrius hatte klar die besseren Karten. Schliesslich konnte Paulos froh sein, dass er mit der Auflage aus dem Gefängnis entlassen wurde, Ephesus zu verlassen. Wohl oder übel nahm er diese Bedingung an und schwor sich, nie wieder seinen Fuss in diese arrogante Stadt zu setzen. Widerwillig schiffte er sich nach Caesarea mit Weiterreise nach Jerusalem ein. Wieder diese endlosen Palaver mit den Nazarenern und Rabbinern! Während der Überfahrt hatte er genug Zeit, sich seine Gesprächsstrategie zurechtzulegen.

Mehr noch als beim ersten, geheimen Gespräch vor knapp 14 Jahren wollte er auf keinen Fall seine Lehre rechtfertigen. Neben den Absprachen mit Jakobus von damals konnte er trefflich die Vorkommnisse mit Petrus in Antiochia thematisieren, ebenso wie natürlich immer wieder die Pflicht zur Beschneidung und die Essensvorschriften. Und Paulos bereitete sich gründlich auf dieses neue Treffen vor. Zunächst entschied er sich, seinen Mitarbeiter Titus mitzunehmen, wohl wissend, dass er damit alle Juden in Jerusalem provozieren würde, war Titus doch Grieche, nicht beschnitten und doch führendes Mitglied seiner jungen Gemeinde. Auch wollte er keinesfalls über seine neuen Ideen und Riten diskutieren. Er hatte sich ausgedacht, die Jerusalemer Gemeinde in eine Diskussion über die Essensvorschriften zu verwickeln. Aus seiner Vorbereitungszeit für die Rabbischule erinnerte er sich da an ein schier unlösbares Dilemma. Die Ratsversammlung von Jerusalem hatte nämlich festgelegt, dass alles Erstickte verboten sei, während die Rabbis postulierten, dass auch das Glied eines lebenden Tieres nicht verzehrt werden dürfe. Darüber würde sich trefflich streiten lassen. Auch an ein weiteres Argument erinnerte er sich aus seiner Zeit, als er verzweifelt versuchte, sich an einer Rabbi-Schule einzuschreiben. Eine Regel des Rabbi Hillel lautete: Was Dir verhasst ist, tue Deinem Mitbürger nicht an. Darüber gab es zwischen den grossen Rabbischulen immer wieder heftige Diskussionen, weil sie totale Friedfertigkeit forderte. Das schien auch Paulos eine treffliche Verteidigungslinie, wenn es zu heftig zugehen sollte.

 

Der zweite Besuch in Jerusalem

 

In Cesarea ging er an Land und erholte sich dort zunächst von der langen Überfahrt. Danach machte er sich auf nach Jerusalem. Wie war das Leben hier doch anders. Klein, klein. Winzige Dörfer. Emsiges, in sich gekehrtes Treiben. Es fehlte an jeder Grosszügigkeit, an die er sich in den grösseren Städten des Römerreiches so gewöhnt hatte.

In Jerusalem ging es dann gleich zur Sache, indem er sich zunächst über falsche Brüder beschwerte, die versuchten, sich in die von ihm gegründeten Gemeinden einzuschleichen, dort spionierten und schlecht über ihn redeten. Die kolportierten Berichte über seine Tätigkeiten verwies er in den Bereich der Spekulation. Auch die heftige Diskussion um die Episode mit Petrus in Antiochia war allen peinlich. Das passte Jakobus, Petrus und Johannes natürlich nicht in die Verhandlungsführung, hatten Sie Paulos doch bei seinem ersten Besuch Lehrfreiheit bei den Heiden zugesagt. Sie mussten insofern seinen Beschwerden stattgeben. Nach diesem Ablenkungsmanöver konnte Paulus daher schnell auf das Lieblingsthema der Nazarener übergehen: Die Heiden und die Thora. Die Diskussionen verliefen genauso stürmisch und unergiebig wie von ihm erwartet. Schlussendlich sassen die Nazarener in der Falle ihres eigenen Dilemmas von Volljuden und noaischen Juden. Dabei hatte Paulos die besondere Unterstützung der liberalen, hellenistischen Juden, die seine nicht zwanghafte Befolgung der Thora sehr unterstützten. Ausserdem sprachen seine unbestrittenen und von manchen mit Neid betrachteten Erfolge absolut für Paulos. Kein Beschneidungszwang, nur die Befolgung der noaischen Speisevorschriften. Kein Wort über die Einzelheiten des von ihm praktizierten Herrenmahls, aber vor allem die Bitte von Jakobus um finanzielle Unterstützung der Jerusalemer Gemeinde.

Was wollte Paulos mehr! Wieder hatte er sich glänzend in Szene gesetzt und seine Kritiker in Grund und Boden niederdiskutiert. Also kam es nicht zu dem zunächst befürchteten Krawall und Gezeter, und er konnte entspannt seine Rückreise nach Antiochia fortsetzen.

 

Zurück in Antiochia

 

Dort wurde er von seiner Gemeine herzlich empfangen, dort lief alles in wohlgeordneten Bahnen, hier konnte er sich wohlfühlen, Kraft und Ideen schöpfen und sich erholen. Nach allem, was er erlebt hatte, schien ihm seine Gemeinde in Antiochia das Vorbild für alle. Hier stimmte jetzt so ziemlich alles. Hier war anerkannt, dass er, Paulos, der Baumeister war und dass alle andren auf seinen Ideen aufbauten. Und für alle und alles gab es eine klare Ordnung.

Kaum angekommen machte er sich sogleich an die Arbeit und schrieb Briefe an die zuvor auf seiner Reise gegründeten Gemeinden. Nach dem Erfolg in Jerusalem wagte er nun, offener zu schreiben. Besonders in seinem Brief an seine Gemeinde in Korinth legte er zum ersten mal schriftlich nieder, dass und wie sich Christen von Juden und Griechen unterscheiden. Er predigte den gekreuzigten Christus, der den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit sei. Aber zu lebhaft erinnert er sich an das verkommene Korinth, seine grenzenlos lockeren Sitten und Gebräuche. Er musste seiner Gemeinde handfeste Regeln an die Hand geben, wie sie sich als Christen und generell zu verhalten hätten.

Zum ersten Mal formuliert er jetzt sein Verständnis für und seine Lehre in Verbindung mit dem Herrenmahl: Der von ihm oder seinem Vertreter gesegnete Kelch stelle die Gemeinschaft des Blutes Christi dar, und das gebrochene Brot die Gemeinschaft des Leibes Christi. Natürlich war das für seine jungen Gemeindemitglieder neu und vielleicht auch zu abstrakt. Daher schrieb er ihnen lieber genau vor, wie sie beim Herrenmahl zu beten hätten: „Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis. Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt.“

Aber in seinem Brief an die Korinther musste er noch auf andere Dinge eingehen. Er musste unbedingt Ordnung in die Gemeinde bringen, so wie sie sich in seinem Antiochia bestens bewährt hatte. Gott, Mann, Frau und diese mit langem Haar und bedeckt. Und dann konnte er sich auch nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass seine Art, ohne Frau zu leben, vorzuziehen sei, dass er aber auch ein Leben als Paar anerkenne, solange strenge Regeln eingehalten würden. Eindringlich schriebe er über die Rolle der Frau als Witwe, Ehefrau oder Jungfrau. Ausdrücklich unterstrich er, dass die Frau unter dem Mann steht und in der Gemeine nichts zu sagen habe.

Da seine Briefe sicherlich auch von Juden und Nicht-Christen gelesen wurden, musste er natürlich auch so schreiben, dass er nicht später angegriffen werden konnte. Obwohl er an sich anerkannte, dass der Dienst an Gott Bezahlung verdient, wies er weit von sich, für seine Tätigkeit bezahlt worden zu sein. Auch die Existenz anderer Götter durfte er nicht ganz negieren, war der Mitras-Kult doch gerade in römisch geprägten Städten und Gegenden von den Römern gefördert und vorrangig gepflegt. So verehrten die Römer entsprechend dem Mitras-Kult den Sonnengott und widmeten ihm sogar den Sonntag als Tag des Herren.

Jetzt war es heraus! Vielfach abgeschrieben und verteilt sorgte gerade der Brief an die Korinther für Furore bei den Juden. Seinen Mitarbeiter Tychikus schickte er mit einem Brief an Philemon bei den Ephesern. Philemon, der einer der ersten Anhänger von Paulus in Ephesus war, solle sich gut um den Sklaven Onesimus kümmern, den Paulus seinerzeit aufgenommen hatte.

Antiochia war seine Stadt. Seine Autorität war hier unangefochten. In Antiochia herrschte Ruhe und Ordnung, während es in Jerusalem zunehmend brodelte. Immer wieder Unruhen gegen die römische Besatzung. Immer mehr Verärgerung bei den Römern über diese virulenten Unruhestifter, die die römischen Truppen auf Trab hielten. Jerusalem und Judaea wurden in Rom zum Inbegriff einer rebellischen, verhassten Provinz.

Nach längerer schöpferischer Pause machte Paulos sich an die Planung seiner nächsten Reise. Wieder sollte es über seine Geburtsstadt Tarsus gehen, dann diesmal nach Ankyra und weiter nach Troas, Philippi, Tessalonich und Korinth. Und dann wieder zurück. Zeit wollte er sich für diese Reise nehmen, zumal sie mehrheitlich über Land gehen sollte. Die bestehenden Gemeinden musste unbedingt in seiner Lehre bestärkt werden. Ferner wollte er herausfinden, wie er seine Gemeinden am besten zu dauerhaften Anhängern seiner Lehre machen konnte. Seine Briefe hatten sich bereits als Wunderwaffe erwiesen. Da stand schwarz auf weiss, worum es geht. Klare Worte, klare Anweisungen, kein rabbinisches Lavieren zwischen verschiedenen Meinungen. Dem hatten die Nazarener nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil, sie hielten sich nach wie vor bedeckt und wollten nur ja nicht auffallen. Treue Juden wollten sie sein mit einer besonderen Auffassung vom Messias.

Die dritte Reise

 

Im 11. Jahr der Herrschaft des Kaisers Claudius brach er dann auf, zunächst nach Tarsus. Auch seinen Eltern war nicht verschlossen geblieben, dass ihr Sohn mit einer neuen Lehre zwar hohes Ansehen genoss, jedoch gleichzeitig von vielen Juden stark angefeindet wurde. Aber der alte Vater wollte nicht mehr mit seinem Sohn streiten, zumal er die ganze Geschichte mit der Namensänderung nicht verstehen wollte. Wie konnte Shaul nur alle die wichtigen Privilegien seiner Familientradition in Tarsos aufgeben!? Jetzt würde der Nachweis seiner Bürgerschaft von Tarsos ja nur unnötig schwieriger. Den Zeltmacher Shaul und seine Familie kannte jeder, der Paulos war ein ganz anderer. Ohne Urkunde war allein die Familienabstammung entscheidend für das Stadtbürgerrecht. Und beim Tod seiner Eltern wäre ein solcher Nachweis nur sehr schwierig zu erbringen, weil Paulos seit Jahren ja mit einer anderen Identität lebte. Nach kurzem Aufenthalt schied Paulos im Unfrieden von seinen Eltern. Nur weiter! Auf der Reise hatte er als Paulos Apostolos das Sagen und brauchte sich von keinem Fragen stellen und Vorwürfe machen lassen.

Auf dem Weg nach Ankyra besuchte Paulos noch alle bereits bestehenden Gemeinden, die sich ausnahmslos sehr gefestigt hatten, und unterstützte seine Mitbrüder bei der Gründung neuer Gemeinden, oftmals allein durch seine Anwesenheit. Er genoss seinen Ruf als gebildeter Lehrer. Jetzt hatte er die Position, von der er als junger Mann so geträumt hatte, die ihm aber in Jerusalem so schmachvoll verhagelt worden war. Diese Reise schien sein Triumphzug zu sein, er bestimmte die Orte und genoss sein Ansehen. Er musste jetzt kaum noch grosse Überzeugungsarbeit leisten. Jetzt genügte meistens eine wortreiche und wohlgesetzte Bestätigung seiner im Wesentlichen bereits bekannten Lehre.

Da viel es leicht, Spenden für die Gemeinde in Jerusalem zu sammeln, wobei Paulos sehr genau vermerkte, von wem gespendet wurde. Spenden von ursprünglichen Juden oder Gottesfürchtigen kamen in eine Kiste, die von Römern, Freien, Sklaven, Frauen und anderen in eine andere. So hatte Paulos eine gute Übersicht über die jeweiligen Anteile an seiner gesamten Anhängerschaft und deren Spendenfreudigkeit. Grundsätzlich brauchte er sich aber nicht zu beklagen, alle spendeten eifrig, manche sogar mehr als vernünftig. So konnte Paulos bei Lydia in Philippi schon ein paar Kisten voller Geld einstellen, bis er wieder auf seiner Rückreise bei ihr vorbeikommen würde.

Diesmal liess er sich viel Zeit in Philippi und Thessalonich. Beide waren grosse und wichtige Städte für seine Bewegung, und mittlerweile wagten es die eingesessenen Juden nicht mehr, öffentlich und feindlich gegen ihn zu agieren. Gleichwohl stänkerten sie hinter vorgehaltener Hand gegen Paulos, weil sie doch sehr neidisch auf seinen grossen Erfolg waren. Da die Lehre des Paulos mittlerweile allen mehr oder weniger bekannt war, traute sich kein Jude mehr, ihm öffentlich entgegenzutreten. Umso häufiger aber waren ihre Meldungen über Paulos’ Auftreten und Erfolge an die Gemeinde in Jerusalem. Das ahnte Paulos zwar, liess ihn aber unbeeindruckt. Auch die Spenden in Philippi und Thessalonich liess Paulos bei Lydia bis zu seiner Rückkehr zurück. Lydia war eine der wenigen Frauen, zu denen Paulus volles Vertrauen hatte.

Über Beroea ging es weiter nach Athen, wo er nicht mehr auf der Agora auftrat, sondern im Haus der dort zwischenzeitlich gegründeten Gemeinde. Jetzt konnte er seinem Herzen und Wort freien Lauf lassen, und die Athener dankten es ihm mit reichen Spenden.

Und endlich wieder in seinem Korinth! Auch hier hatte sich die Gemeinde erfreulich entwickelt. Es bedurfte nur wortreicher und wohlwollender Zusprüche und Ermutigungen, um seine Gemeinde zu stärken und weiterzuentwickeln. Und in dieser Stadt flossen die Spenden reichlich, zu stark waren die Sündengefühle in Anbetracht des Lotterlebens in dieser Stadt, als dass man sich nicht der schlussendlichen Erlösung etwas sicherer sein wollte. Auch erfreute sich die Gemeinde und ihre Aktivitäten des Wohlwollens der römischen Verwaltung, bestand Paulos doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf, den Primat des Staates zu betonen. Seine Bewegung hatte wirklich nichts zu tun mit den ewigen aufsässigen Umtrieben der Juden gegen die Römer. In Tarsus und der Zeit nach Damaskus hatte Paulos selbst erlebt, welche Vorteile ein geregeltes Leben unter den Römern brachte. Unter ihrem Schutz hatte er endlich erreicht, was er sich seit seiner Jugend so sehnlichst erträumt hatte: ein angesehener Gelehrter.

Seine Freude und zunehmende Selbstsicherheit wurden jedoch immer wieder durch die bohrenden Anschuldigungen aus Jerusalem getrübt. Mehr und mehr wurde seine Lehre hinterfragt und beanstandet, zumal die Nazarener und andere Juden in Jerusalem zwischenzeitlich seine bereits geschriebenen Briefe gelesen hatten. Da standen ja empörende Sachen drin. Glaube an Christos anstatt Befolgung des Gesetzes! Unsinn der Beschneidung! Jeshua als Gott! Brot gleich Fleisch und Wein gleich Blut des Messias Jeshua!

Zunehmend wurde Paulos mit Nachdruck aufgefordert, sich in Jerusalem zu erklären und nach so langer Zeit auch einmal wieder seinen Spendenbeitrag zu leisten. Aber Paulos liess sich Zeit. Nero war gerade in Rom Kaiser geworden und machte mit seinen Plänen für eine Neugestaltung von Rom auf sich aufmerksam. Das förderte natürlich auch die Geschäfte in Korinth, über deren Häfen ein Grossteil des Kunsthandels zwischen Griechenland und Rom abgewickelt wurde.

Also, nur keine Eile. Über Land zurück nach Tessalonich und Philippi, wo er insbesondere bei Lydia noch einige Zeit verweilte, bevor er dann mit all seinen Geldtruhen das Schiff direkt nach Milet nahm, vorbei am verhassten Ephesus. In Milet versammelte Paulos die Vorsteher aller Gemeinden im Raum Ephesus um sich, um ihnen Argumente gegen die üblen Nachreden aus Jerusalem an die Hand zu geben. Seine Lehre umfasste alle wesentlichen Elemente in klarer, einfacher Weise und lag allen schriftlich vor, so dass man sich leicht an sie erinnern und sie auch gegen konfuse Judenkritik verteidigen konnte. Und überhaupt, Milet war das Zentrum griechischer Wissenschaft und Philosophie, hier hatte man sowieso nichts übrig für jüdisches Gedankengut mit tausenden Wohlverhaltensregeln.

 

Die letzte Reise nach Jerusalem

 

Es war ihm sehr zuwider, als er sich schweren Herzens in Richtung Jerusalem einschiffte, um sich dort wieder in endloses Gezeter und Streit um die wahre Lehre einzulassen. Da es keine direkte Verbindung gab, musste er in Rhodos und Patara das Schiff wechseln, was ihm gar nicht ungelegen war, um Zeit zu schinden. Schliesslich fand er in Patara ein Schiff nach Tyros. Von dort ging es dann über Ptolemais zunächst weiter nach Caesarea, wo er sich bei Freunden erst einmal ausruhte und sich auch gründlich auf seinen Auftritt in Jerusalem vorbereitete.

Ein Kassensturz seiner Spenden erbrachte das erfreuliche Ergebnis, dass nur etwa ein Drittel der Spenden von Juden oder Gottesfürchtigen war. Das war der Anteil, den sich Paulus herzugeben verpflichtet fühlte. Der Rest war für seine Gemeinde, seine Belange und seine Zukunftspläne. Dabei war er sehr beruhigt, denn der Betrag der Spende für Jerusalem war so gross, wie in die Nazarener sicherlich noch nie gesehen hatten. Sie mussten damit mehr als zufrieden sein. Unter strengster Geheimhaltung stellte Paulus den bedeutenderen Rest bei einem sicheren Freund in Caesarea ein.

Auch führte Paulus mit dem Stadthalter Felix Gespräche, wohl um dessen Einstellung zu den aufmüpfigen Juden zu eruieren und ihn überhaupt besser kennenzulernen und einschätzen zu können. Dabei blieb Felix die römerfreundliche Einstellung des Paulus und seiner Anhänger nicht verborgen und er lernte, sehr wohl zwischen den Juden und der Paulusbewegung zu unterscheiden.

Schliesslich musste Paulus aber los. Es war im dritten Jahr der Regentschaft von Kaiser Nero. Die Jerusalemer Juden drängten unaufhörlich. Und widerwillig trat er die Reise an in der Hoffnung, dass das seine letzte Reise nach Jerusalem sei. Was konnten die Nazarener ihm denn jetzt noch bieten? Seine Lehre war so solide fundiert, vorbei an Torah und mündlicher Überlieferung der Juden und weit über diese hinausgehend. Und so wie die Juden sich in Jerusalem und Judaea den Römern gegenüber verhielten, konnte das ja gar nicht mehr lange gut gehen. In Antiochia war er weit weg von dem ewigen Hader und Gezeter. Schon zwei Mal hatte er die Nazarener in Grund und Boden diskutiert. Das wollte er jetzt auch wieder und die Erinnerung an ihn mit einer satten Spende vergolden.

In Jerusalem konnte er jetzt wegen seiner hohen Stellung nicht mehr bei seinem Vetter unterschlüpfen, sondern quartierte sich bei einem gewissen Mnason zyprischer Herkunft ein. Allerdings musste er mit seinem Vetter unbedingt reden und diesen bitten, für ihn die Stimmung und Pläne gegen ihn auszukundschaften und laufend darüber zu berichten. Natürlich gegen ein stattliches Entgelt. Und der Vetter tat wie ihm geheissen.

Schon das erste Zusammentreffen mit Jacobus war alles andere als eine freundliche Begrüssung nach so langer Abwesenheit und in Erwartung einer reichen Spende. Vor dem Hause des Jacobus hatten sich zahlreiche Juden eingefunden und beschimpften Paulos wild gestikulierend. Das konnten nicht nur Nazarener sein, die sich ja viel zurückhaltender verhielten. Im Hintergrund sah er seinen Vetter, der herauszufinden suchte, was denn der Anlass für einen solchen Auflauf wäre. Also nur eine kurze Begrüssung und schnell in seine Unterkunft zurück, wo ihn sein Vetter schon erwartete.

Nervös berichtete er dem Vetter aus Tarsos, dass ihm vorgeworfen würde, einen Heiden in den Tempel mitgenommen zu haben, und dass die Juden das als ein Sakrileg ansähen und Sühne oder Bestrafung forderten. Paulos sah das aber ganz anders. Das war doch einer seiner Anhänger, der als neues Mitglied seiner Gemeinde von Jacobus und Simon schon seit Jahren ausdrücklich anerkannt wurden. Auf alles war er vorbereitet, aber auf eine solche Lächerlichkeit nicht. Blitzartig schoss es Paulos durch den Kopf: wenn die meine Anhänger nicht haben wollen, mit welchem Recht wollen die dann meine Spende. Damit bestätigte sich seine Entscheidung, von der Sammlung nur den Teil abzugeben, der von Juden oder Gottesfürchtigen stammte.

Paulos musste jetzt handeln. Also machte er einen neuen Besuch mit Jakobus aus, um ihm die Spende zu übergeben und den Vorwurf des unerlaubten Tempelbesuches in Ruhe zu besprechen.

Bei diesem zweiten Besuch waren zunächst alle anwesenden Ältesten des Lobes voll über die vielen Taten und reichen Gaben des Paulos aus seinen Gemeinden. Als Paulos dann behutsam auf das Thema Tempelbesuch zu sprechen kommen wollte, brachten einige der Ältesten die Rede auf Gerüchte, wonach Paulos besonders den Nicht-Juden weder die Beschneidung noch die Befolgung der Gesetze abverlangte, wenn sie Mitglieder seiner Gemeinde werden wollten. Das Gezänk um Gesetz und Gemächt ging also wieder los. Und dann auch noch der Vorwurf seines Tempelbesuchs in Begleitung eines Nicht-Juden.

Verbindlich wandte er sich an seine Brüder, dass doch längst geklärt sei, dass Nicht-Juden in seinen Gemeinden nach den noahschen Gesetzen behandelt werden und dadurch Teil des grossen jüdischen Volkes werden. Wenn sie also dann zum grossen Volk gehörten, könne man sie nicht als Heiden betrachten, und sie dürften in den Tempel gehen. Wie solle er sie denn für seine Gemeinden werben, wenn er ihnen nicht einmal den Tempel in Jerusalem zeigen dürfe? Seine Spende würden sie doch auch annehmen, oder wollten sie die wieder zurückgeben? In dieser peinlichen Diskussion trat jetzt Jakobus mit dem Vorschlag auf, dass sich Paulos zum allgemeinen und öffentlichen Beweis seiner Tätigkeit im Rahmen jüdischer Lehre mit vier anderen Brüdern eine Bussübung machen solle, die alle beruhigen würde. Auf das war Paulos nicht vorbereitet. Eine solche Übung würde ihn gegenüber seinen Gemeinden erniedrigen, würde er sich doch unter die Hoheit der Nazarener stellen. Er liess sich zunächst das Bussritual erklären und dachte, dass er es dann über sich ergehen lassen könnte, wenn es nicht öffentlich durchgeführt würde. Schlagfertig entgegnete er, dass er zwar keinen wirklichen Grund sehe, sich einem solchen Reinigungsritual zu unterziehen, dass er aber dann dazu bereit wäre, wenn es streng unter Juden durchgeführt und darüber ausserhalb von Jerusalem nichts bekannt würde. Es würde wohl genügen, wenn Jakobus von der Durchführung hier in Jerusalem berichtete. Sein Wort sei schliesslich bei den Nazarenern Gesetz. Das wurde Paulos eilfertig zugesichert, begrüsste man doch sehr, dass er somit zur Ruhe in der Gemeinde beitragen wolle. Und so unterwarf Paulos sich einer mehrtägigen Übung, die auch nicht gerade billig war. Aber was soll es? Ein dummes Ritual mehr, und endlich war Ruhe.

Aber Paulos war in Jerusalem, und da gab es Leute von überall her, ein ewiges Kommen und Gehen. Die Nazarener waren eine winzige Minderheit. Das Leben in der Stadt wurde von orthodoxen Juden bestimmt. Kaum hatte Paulos sein Ritual beendet und hielt sich wieder frei in der Stadt und im Tempel auf, wurde er von einigen Juden angepöbelt, dass er doch der sei, der in Asien und überall die Juden anhielt, von Gesetz und Sitte der Juden abzufallen. Aus den ersten Pöbeleien entwickelte sich schnell eine grosse Ansammlung wild gestikulierender und geifernder Juden, die sogar Hand an Paulos legten und ihn vor den Hohepriester zerren und gar steinigen wollten.

Das hatte aber Paulos‘ Vetter beobachtet und umgehend den Hauptmann der römischen Wache informiert. Der schritt auch unverzüglich ein, trennte Paulos von der Menge und versuchte zu erfragen, worum es denn eigentlich ginge. Das Geschrei der Juden war aber so gross, dass der Hauptmann überhaupt nichts verstand und Paulos sicherheitshalber festnahm. In einem ordentlichen Verhör würde er sicherlich mehr erfahren. Auf dem Weg zur Wache folgte eine grosse Judenrotte und hörte nicht auf, Paulos zu beschimpfen und ihm Übles nachzureden.

Auf der Wache angekommen bat Paulos den Hauptmann zur Seite und fragte, ob er wohl griechisch mit ihm reden könne. Der war darob sehr verblüfft, hielt er Paulos doch für einen Juden. Dieser antwortete aber geschickt, dass ihn die Meute draussen so sehe, geboren sei er aber in Tarsos in der Provinz Kilikien, wo seine Familie Bürgerrechte geniesst. Dort seien sie angesehen als Zeltmacher und Sattler. Er möge ihn doch zu den Leuten reden lassen, um die Lage zu entspannen. Der Hauptmann war beeindruckt und liess Paulus unter Schutz vor die Wache treten. Auf der obersten Stufe der Eingangstreppe sprach Paulos dann aramäisch zu den Leuten, was den Hauptmann neuerlich verblüffte. Aber nach anfänglicher Ruhe ging die Rede des Paulos im Geschrei der Juden unter, und der Hauptmann brach das ganze ab und liess Paulos für weitere Verhöre abführen.

Ein Verhör begann bei den Römern üblicherweise mit einer Auspeitschung, um die ganze Prozedur zu beschleunigen. Dazu schickte sich auch ein Unterhauptmann auf Befehl des Hauptmanns an. Paulus aber ging ihn barsch an, ob es denn jetzt üblich sei, einen Römer ohne Verurteilung zu geisseln? Wie vom Blitz getroffen liess der Unterhauptmann von Paulos ab und rannte in Panik zum Hauptmann und wollte wissen, was er tun soll, weil der Mann behauptete, ein Römer zu sein. Schnurstracks ging der Hauptmann zu Paulos und redete in von oben herab an: “Aha, Du bist also Römer“. „Du sagst es“, erwiderte Paulos mit klarer Stimme und blickte dem Hauptmann bohrend in die Augen. „Na, das hast Du Dir wahrscheinlich genauso erkauft wie ich“, fuhr der Hauptmann fort. „Nicht ich, ich bin mit Bürgerrechten in Tarsos in der römischen Provinz Kilikien geboren“, erwiderte Paulos schlagfertig, „das habe ich Dir doch schon gesagt“. Jetzt war der Hauptmann völlig verunsichert und befahl, Paulos die Fesseln zu lösen und angemessen in der Wache unterzubringen, bis die Sache geklärt sei. Zu gross war seine Angst, seinen Posten zu verlieren, wenn er einen Römer verprügelt hätte.

Paulos liess seinen Vetter, rufen um ihm alles zu erklären und sich mit ihm für die nächsten Tage abzusprechen. Er solle bitte genau aufpassen, was sich da alles in Jerusalem gegen ihn tut und unverzüglich berichten. Er müsse wohl davon ausgehen, sich aus Jerusalem abzusetzen und nie mehr seinen Fuss in diese üble Stadt zu setzen. Diese jüdischen Schurken nähmen sein Geld mit einem grinsenden Lächeln, und würden ihm dann in den Hintern treten! Der Cousin solle aber beruhigt sein, seine Dienste würde er wohl entlohnen, und das letzte Wort sei da noch nicht gesprochen. Paulos machte den Vetter noch mit dem Hauptmann bekannt und musste nun warten, was da noch auf ihn zukam.

Der Hauptmann musste die Sache irgendwie zu Ende bringen. Nachdem er eine politische Handlung oder Verfehlung seitens Paulos nicht sah, regte er die Einberufung des Sanhedrins an. Sollten die doch ihren Kungel untereinander ausmachen. In Begleitung eines Legionärs ging Paulos dann in den Sanhedrin und wollte dort wie üblich zunächst seine Verteidigungsrede halten. Auf Anordnung des Hohepriesters schlugen ihm aber einige umstehende Juden heftig auf den Mund. „Du aufgeplusterte, getünchte Figur!“, schrie Paulos den Hohepriester an. „Was masst Du Dich an, über mich zu urteilen, nur weil ich wie alle Pharisäer an die Auferstehung der Toten glaube!“ Das hatte Paulos mit Bedacht gesagt, wusste er doch, dass er damit eine hitzige Debatte zwischen den Rabbinern und Sadduzäern provozieren würde. Und genau so kam es. Ein heftiges Geschrei und Gezänk entspann sich zwischen dem Hohepriester und den Saduzzäern einerseits und den Pharisäern andererseits. Wegen der Sache des Glaubens an die Auferstehung der Toten nahmen diese an sich mehr Partei für Paulos, aber die Versammlung drohte in einen Tumult auszuarten, in dem Paulos möglicherweise Schaden nehmen könnte. Daher nahm der Legionär Paulos wieder mit auf die Wache im römischen Lager und liess den Sanhedrin krakeelen.

Dieweil war der Vetter nicht untätig geblieben und hatte sich in Judenkreisen umgetan. So hatte er erfahren, dass sich etwa 40 Schergen aus der Polizei-truppe des Hohepriesters zusammengetan hatten, um sich an ihrem ehemaligen Kommissar zu rächen. Einer von ihnen hatte Paulos nämlich erkannt und davon dem Hohepriester berichtet. Besseres konnte dem nicht passieren. Nur wie sollte man an Paulos herankommen? Der Hohepriester sollte den Hauptmann bitten, Paulos für eine weitere Aussprache zu ihm zu lassen. Die Schergen sollten Paulos dann während der Aussprache umbringen.

Unverzüglich lief der Vetter zu Paulos und berichtete von dem Komplott. Paulos bat um Vorsprache beim Hauptmann zusammen mit seinem Vetter. Aufmerksam hörte der Hauptmann zu und bat alle um Verschwiegenheit. Diese Sache wurde jetzt eine Nummer zu gross für ihn. Und er handelte sofort. Noch in derselben Nacht ordnete er die Abreise von Paulus unter erhöhtem Militärschutz nach Cäsarea an und machte noch schnell einen Bericht an den Präfekten Felix mit den wichtigsten Informationen und der Bitte, sich der Sache Paulus ex Tarsus anzunehmen.

 

Cäsaraea

 

Also verliess Paulos noch in der Nacht das mittlerweile verhasste Jerusalem in Richtung Cäsarea, das sowieso eine sehr viel angenehmere Stadt war. Vorher verabschiedete er sich noch beim Hauptmann, fragte ihn nach seinem Namen, um ihn an höherer Stelle lobend zu erwähnen.

In Cäsarea angekommen, wurden Paulos und der Bericht des Hauptmanns an den Präfekten Felix übergeben. Dieser erinnerte sich vage an Paulos, der vor ein paar Wochen bei ihm vorgesprochen hatte. Da auch für ihn der Sachverhalt doch sehr undurchsichtig war, sicherte er Paulos ein faires Verfahren zu, wenn der Hohepriester als Kläger nach Cäsarea kommen sollte, und legte eine acta Paulus ex Tarsus an.

Zunächst musste sich Felix erst einmal um die Klärung der von Paulus geltend gemachten Bürgerrechte kümmern. Und das war von Caesarea aus schwierig. So musste Felix sich ausgiebig mit Paulus über dessen Lebenslauf unterhalten. Eine erste Anfrage bei seinem Kollegen in Kilikien brachte keinerlei Erkenntnisse, weil dem ein Paulus ex Tarsus nicht bekannt war. Jetzt entpuppte sich sein Identitätswechsel damals in Edessa als Hindernis bei der einwandfreien Feststellung seiner Herkunft und Identität. In endlosen Gesprächen versuchte Paulus sein Bürgerrecht schönzureden und liess Felix wissen, dass er sich eine Bestätigung durch ihn etwas kosten lassen würde. Jetzt wurde Felix hellhörig. War er zunächst über die Geschichten des Paulus nur sehr verwundert, witterte er jetzt Bestechung und die Möglichkeit, seine Privatschatulle aufzubessern.

Es dauerte auch nicht lange, bis sich der Hohepriester in Begleitung des bekannten Retors Tertullus meldete und eine Klage gegen Paulus einreichte. In der Verhandlung lobte der Retor erst einmal wortgewaltig die Taten des Felix und ging dann erst geradezu nebensächlich auf die Vorwürfe gegen Paulus ein. Diese Vorwürfe waren nun aber allesamt rein religiöse und im Übrigen nicht bewiesen. Da tat sich Paulus mit seiner Verteidigung wieder leicht. Dasselbe Spiel wie seinerzeit in Philippi und Korinth. Für diese Art von Klagen interessierte sich Felix überhaupt nicht. Politisch hatte sich Paulus nicht nur nichts zuschulde kommen lassen, sondern er war überaus römerfreundlich, was man von den Juden nicht gerade behaupten konnte. Paulus konnte sich auch die Bemerkung nicht verkneifen, dass die Juden in völlig ungerechtfertigt verklagen, obwohl er ihnen eine reiche Spende übergeben habe. Felix wies die Klage also ab, behielt Paulus aber für weitere Erkundigungen unter Militärschutz in Caesarea.

Zäh verliefen die weiteren Gespräche zwischen Felix und Paulus, und Felix spielte auf Zeit. Paulus sah zunehmend ein, dass er mit Felix sein Problem wohl nicht werde lösen können. Er nutzte daher die Zeit in Caesarea zur weiteren Planung seiner Zukunft. Wenn seine Sache in Caesarea nicht zu vernünftigen Bedingungen geklärt werden konnte, musste er wohl nach Rom und das kaiserliche Gericht anrufen. Daher schrieb er vorsorglich einen Brief an die jüdische Gemeinde in Rom, um sein Auftreten dort vorzubereiten. Nach allen schon bekannten Briefen sollte dieser die Römer umfassend vorinformieren und seine Römerfreundlichkeit herausstellen. Endlich, nach zwei Jahren deutete sich eine neue Hoffnung für Paulus an, weil Felix durch einen neuen Präfekten namens Festus abgelöst werden sollte.

Kaum war Festus eingesetzt, sprach Paulus bei ihm vor und urgierte sein Anliegen. Natürlich hatte der erst einmal andere Probleme zu lösen und vertröstete Paulus, bis er sich sein eigenes Bild in Jerusalem gemacht hätte. Bei seiner ersten Inspektionsreise nach Jerusalem wollte er dort den Hauptmann Lysias und auch den Hohepriester hören. In Jerusalem verlangten dann die Juden, dass Paulus wieder in Jerusalem vor Gericht gestellt werden solle. Das verstand Festus nun gar nicht, weil das ja schon einmal ergebnislos stattgefunden hatte. Er regte daher ein neues Verfahren vor ihm in Caesarea an.

Auch Paulus’ Vetter war nicht untätig geblieben. Er hatte herausgefunden, dass die Juden Paulus im Laufe der geforderten Verhandlungen in Jerusalem umbringen wollten, weil ihre Anklagepunkte nicht bewiesen werden konnten. Er warnte Paulus umgehend, so dass dieser nicht auf die Falle hereinfiel.

Vor Festus stellte Paulus energisch fest, dass er in Caesarea vor einem kaiserlichen Gericht stünde und keinerlei Veranlassung sehe, sich vor Juden in Jerusalem wegen nicht bewiesener Vorwürfe zu verantworten. Da auch Festus keinerlei politische Verfehlung feststellen konnte, musste er Paulus’ Standpunkt akzeptieren und berichtete dementsprechend den Juden in Jerusalem.

Aber der Fall Paulus ex Tarsus war Festus unbequem und kaum in Caesarea zu lösen. So zitierte er Paulus vor sich und eröffnete ihm: „Du berufst Dich auf den Kaiser, weil Du römisches Bürgerrecht beanspruchst. Seit Jahren versuchen wir vergeblich, Deine Behauptung zu prüfen, geschweige denn zu bestätigen. Wenn Du Dich so beharrlich auf den Kaiser berufst, dann sollst Du ein ordentliches Verfahren vor dem Kaiser haben, aber in Rom. Also, mit dem nächsten Schiff schicke ich Dich nach Rom und überstelle Dich dem kaiserlichen Gericht dort mit allen bisher gesammelten Berichten und Urteilen.“ Paulus verschlug es fast den Atem. Was er nur angedacht hatte, war plötzlich nicht mehr änderbare Realität geworden. Noch nie hatte er sich bisher auf römisches Bürgerrecht berufen, weil Römer und Jude sein in Jerusalem und überhaupt nicht zusammen passte. Schnell versammelte er seine Anhänger ein letztes Mal um sich, legte ihnen nochmals eindringlich seine Glaubenslehre ans Herz und verabschiedete sich bis auf ein Wiedersehen in einer unabsehbaren Zukunft. Sein Vermögen war auf einem römischen Schiff sicher und auch durch seine militärische Begleitung gut bewacht.

 

Die Überfahrt nach Rom

 

Paulus hasste Schiffsreisen, und diese liess sich besonders schlecht an. Starke westliche Winde zwangen zu einer längeren Route nördlich um Zypern herum. In Myra musste das Schiff dann in den sicheren Hafen, weil es den Winden und der aufgewühlten See nicht gewachsen war. Ein grösseres Schiff aus Alexandria hatte auf seiner Fahrt nach Rom Proviant aufgenommen und konnte Paulus mit Sack und Pack und der Bewachung übernehmen. Ein kleiner Betrag erleichterte den Schiffswechsel.

Stürmisch ging die Fahrt weiter südlich an Kreta entlang, immer wieder gegen starke Winde kreuzend. In der Nähe der Stadt Lasäa wurde die Fahrt so schwierig, dass Paulus aus Angst für Leib und Leben eine Unterbrechung forderte. Der Kapitän und die Wachsoldaten aber waren unnachgiebig und wollten die Fahrt unbedingt fortsetzen. Zuviel stand für sie auf dem Spiel und die Fahrt dauerte bis dahin wegen des widrigen Wetters schon viel länger als geplant. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Das Schiff musste jetzt irgendwo im südlichen adriatischen Meer sein, seit Tagen blies ein steifer Nordwind und nirgendwo war Land in Sicht. Wegen des starken Wellenganges konnte keiner etwas essen und das Schiff war kaum auf Kurs zu halten, zumal Segel zerrissen worden waren und auch die Ruderanlage nicht mehr ordentlich arbeitete. Endlich nach 2 Wochen Fahrt in Sturm und Regen, Gewittern und Unwettern kam endlich Land in Sicht, aber kein Hafen oder eine dem Kapitän vertraute Landmarke. Da der Zustand des Schiffes nicht mehr seetauglich war, musste der Kapitän eine Landung versuchen, um die notwendigsten Reparaturen an Rumpf und Ruder auszuführen. Es wurde eine Bruchlandung, bei der jedoch kein Verlust von Mannschaft oder Hab und Gut zu beklagen war. Nur, jetzt sassen sie alle fest und wussten nicht, wo sie waren. Nach einer Erkundung durch den Kapitän und einige Wachen stellte man fest, dass man auf der Insel Malta gestrandet war. Wegen des Winterwetters war an eine baldige Weiterreise nicht zu denken. So baten die Wachleute und der Kapitän den Präfekten Publius um Unterbringung, bis ein geeignetes Schiff zur Weiterfahrt nach Rom gefunden würde.

Die Wartezeit dauerte ein paar Monate, weil wegen des widrigen Wetters kaum Schiffe unterwegs waren. Glücklicherweise lag im Hafen von Melita ein Getreideschiff aus Hippo, das aufgrund widriger Winde den südlichen Kurs um Sizilien nehmen musste und auf dem Weg nach Rom auf besseres Wetter wartete. Die Wächter verhandelten die Aufnahme ihrer Schutzbefohlenen und Paulus half auch wieder mit einem kleinen Betrag nach. Bei der ersten Wetterbesserung lief das Schiff dann in Richtung Syrakus aus mit Ziel Puteoli, dem grossen Getreidehafen von Rom.

Dort angekommen, musste man sich erst einmal erholen, um dann die Reise zu Land nach Rom anzutreten. Jetzt erfuhr Paulus wie komfortabel das Reisen auf römischen Strassen war. Die via Appia war perfekt ausgebaut, es gab regelmässig Wirtshäuser und Herbergen. Paulus begann, sich auf Rom zu freuen. Jetzt war er im Land seiner Träume. Wunderschöne, grüne Landschaften, grosse Villen und saubere Städte.

Rom

Endlich lag Rom vor ihm. Die Stadt auf sieben Hügeln mit imposanten Gebäuden bildete eine beeindruckende Silhouette. Je näher Paulus der Stadt kam, je mehr war er überwältigt. Wohl bestellte Felder bis kurz vor der Stadtmauer, vorbei an einem öffentlichen Bad, dann durch die Porta Capena, am Circus Maximus vorbei, dann entlang des Palatins nördlich, links sah er das Forum Romanum und den Capitol und dann ging es rechts in Richtung der Porta Viminalis, dort hindurch und direkt in die Castra Praetoria. Ein Wachmann hatte ihm alles kurz erklärt, ohne dass Paulus seine Eindrücke wirklich ordnen konnte. Allein die Menschenmengen in den Strassen hatten ihn ganz benommen gemacht.

In der Castra Praetoria angekommen, kam dann die Ernüchterung. Registrieren, Befragung auf Befragung und schliesslich Schutzhaft in einer kärglichen Zelle. Sein Hab und Gut war ihm geblieben und auch nicht vorläufig beschlagnahmt. Auf den Verwaltungsapparat in Rom war Paulus nicht vorbereitet und es fiel ihm schwer, sich darauf einzustellen. Hier galt er gar nichts, hatte keinerlei Beziehung zur Stadt und zu Leuten in ihr. Er war den Beamten hilflos ausgeliefert. Nach zahllosen und unendlichen Verhören wurde der Fall Paulus ex Tarsus dem kaiserlichen Gericht zur Entscheidung vorgelegt. Dies entschied, dass Paulus bis zur endgültigen Sachverhaltsklärung unter Hausarrest in Rom wohnen dürfe. Es sei ihm freigestellt, sich eine Wohnung zu suchen.

Jetzt wurde es für Paulus schwierig. Verzweifelt suchte er Kontakt zu römischen Juden in der Hoffnung, dass er von denen mehr über Rom erfahren würde. Über seine Lehre und Person behielt er allerdings Stillschweigen. So erfuhr er von der Möglichkeit, sich in sog. Insulae, grossen, mehrstöckigen Wohnhäusern, einzumieten. Aber er war entsetzt, als er sich eine solche Insula anschaute. Unten auf der Strassenebene waren Geschäfte und Handwerker aller Art. Im ersten Obergeschoss waren grosse Wohnungen mit Wasser und allem Komfort. Im zweiten Obergeschoss hatten die Wohnungen zwar auch noch Wasser, waren aber viel kleiner und bescheidener. In den Etagen darüber herrschte totales Chaos. Kein Wasser, nur jeweils eine Kammer, ein wildes und undurchsichtiges Durcheinander von Menschen und Tieren. Unrat und Gestank.

Paulus war ratlos. Durch ein Gespräch mit dem Gericht und etwas pekuniäre Nachhilfe konnte er erreichen, dass er eine kleine Wohnung in der zweiten Etage einer Insula beziehen konnte, gleich in der Alta Semita. Das Gericht kam dem Gesuch von Paulus auch deshalb gerne nach, weil vor der Wohnung gut ein Wachsoldat postiert werden konnte. Der relative Wohnkomfort war zwar unverhältnismässig teuer, aber Paulus hatte ja gut vorgesorgt und brauchte sich deswegen keine grösseren Sorgen zu machen. Ausserdem wollte er in der Insula nur während seines Verfahrens wohnen, um sich dann etwa Angemessenes zu suchen.

Tagsüber durfte Paulus sich stundenweise in der Stadt frei bewegen, nur nachts wurde er streng bewacht und anfänglich sogar in Ketten gelegt. Regelmässig musste er sich in der Castra Praetoria melden.

Aber jetzt galt es erst einmal, sich gründlich auszuruhen. Die lange und überaus stürmische Seefahrt, der Aufenthalt auf Melita und die Reise von Puteoli nach Rom hatten im arg zugesetzt. Der jüngste war er auch nicht mehr und trotz seiner spartanischen Lebensweise war er körperlich doch recht schwach geworden. Auch seine Kopfschmerzen setzten ihm wieder zu. Also richtete er sich in seiner Wohnung erst einmal richtig ein und päppelte sich auf. In Rom gab es einfach alles. Essen, Trinken, es fehlte an nichts, wenn man es sich leisten konnte. Und das konnte Paulus. Mit seinem Wachsoldaten kam Paulus mehr und mehr ins Gespräch, und manchmal ermöglichte ein kleines Taschengeld eine Sondervergünstigung. Mit den Informationen des Wachsoldaten machte sich Paulus an die Entdeckung von Rom.

In seiner unmittelbaren Wohnumgebung fand er viele Juden, die jedoch von einem ganz anderen Schlag waren als die in Jerusalem. Hier in Rom ging alles sehr viel liberaler zu, man legte nicht alles auf die Goldwaage und eine Kontrolle wie in Jerusalem gab es nicht. Im Gegenteil, Rom war ganz von der Welt der Römer bestimmt und geprägt. Zahlreiche Tempel römischer Gottheiten. In seiner unmittelbaren Nähe der Quirinus-Tempel und ausserhalb der Mauern auch ein paar Mitras-Tempel. Und überhaupt galten andere Religionen hier überhaupt nichts. Hier gab es keine Agora, auf der man öffentlich über religiöse Dinge reden durfte. Das Forum Romanum war eine einzige Machtdemonstration römischer Weltherrschaft. Hier war öffentliche Zurückhaltung geboten. Wer besonders auffiel wurde sofort festgenommen und verschwand dann häufig irgendwie spurlos.

Die Juden versammelten sich in Versammlungshäusern, ohne diese Synagogen zu nennen. Und so nahm Paulus wieder seine frühere Taktik auf, sich in solchen Versammlungshäusern bekannt zu machen und seine Ideen vorzutragen. Kein Jude kannte ihn oder hatte von ihm gehört. Auch einen Brief hätten sie nie erhalten, erklärte geradeheraus der Älteste. Wohl hätten sie von einer Sekte gehört, gegen die in Jerusalem heftig gestritten würde. Aber genaueres wüssten sie auch nicht.

Nach einiger Zeit hielt Paulus die Zeit für reif, aus der Reserve zu treten und sich auch in Rom als Paulus Apostolos vorzustellen. Bei einem Gerichtstermin wegen der Überprüfung seiner Abstammung hatte er sich vergewissert, dass das Gericht nichts gegen seine Tätigkeit als Gelehrter hätte. Er stützte sein Vorhaben mit der Vorlage seines Briefes an die Römer, in dem er den Gerichtsbeamten besonders auf die römerfreundlichen Passagen hinwies. Gleichwohl durfte er seine Lehre nicht öffentlich vortragen, weil die Römer neben ihren Göttern keine anderen duldeten. Eher beiläufig machte der Beamte Paulus darauf aufmerksam, dass es da Schwierigkeiten mit seinem Herkunftsnachweis gäbe, weil ein Zeltmacher Paulus in Tarsus nicht registriert sei. Er möge doch weitere Beweise für seine Behauptung, römisches Bürgerrecht zu besitzen, beibringen.

Jetzt war Paulus wieder in der Klemme. Er wollte einerseits jetzt in Rom seine Lehre bekannt machen, konnte in Rom aber nur bleiben, wenn sein Status legalisiert würde. Also, Zeit schinden. Gegen ihn lag ja nichts Politisches vor, deswegen die Römer ihn hätten verurteilen können. Es lag also ganz an ihm, wie schnell er das Verfahren betreiben würde.

Paulus lud jetzt erst einmal die vornehmsten Juden zu Gesprächen ein, stellte sich als Paulus ex Tarsus nach seiner Zeit in Edessa vor. Von seiner Zeit in Damaskus und davor schwieg er, ging es doch vorrangig um seine Lehre. Von Anfang an bezeichnete er seine Anhänger als Christen. Natürlich verwies er auf seine zahlreichen Briefe an seine verschiedenen Gemeinden. Dazu wurde kontrovers diskutiert, und mehrheitlich wollten sich die Juden seinen Ideen nicht anschliessen. Aber wie schon früher und überall gab es doch einige, die seine Ideen für fortschrittlich und vernünftig hielten. Mit ihnen traf sich Paulus häufiger und machte sie mehr und mehr mit seiner Lehre vertraut. So entstand dann doch eine kleine Christengemeinde in Rom. Auch gebildete Sklaven, Freie und Frauen sprach Paulus an und vergrösserte somit langsam seine Anhängerschaft. Das Mahl des Herren erwies sich auch hier in Rom als sehr attraktiv, zumal es ja auch sehr privat gefeiert werden konnte.

Allerdings hatte Paulus beim Aufbau seiner Gemeinde wieder unerwartete Schwierigkeiten. Übermässig viele Frauen drängten sich in seine Versammlungen und auch zum Mahl des Herrn, bevor im klar wurde, dass darunter allzu viele Huren waren. Noch mehr als in Korinth gehörten Huren zum Strassenbild und Leben in Rom, während Knabenschänder vergleichsweise wenig auffielen. Unter Nero schwelgte Rom in Ausschweifungen aller Art, Unterhaltung im Circus Maximus und der Arena einerseits und Verwaltungswillkür andererseits.

Auch politisch war die Lage in Rom unruhig. Gerüchte gingen um, dass Nero grosse Bauvorhaben in Auftrag gegeben hatte, und keiner konnte sich vorstellen, wie das alles in Rom gemacht werden könnte. Rom war total überbevölkert. Die Häuser wurden schon viel zu nahe aneinander gebaut, so dass es oft zu Feuerschäden kam, wenn in einem Haus unachtsam mit Feuer umgegangen wurde. Ganze Häuserblocks waren so schon abgebrannt. Ausserdem waren die Wasserver- und -entsorgung völlig unzureichend. In den Nebenstrassen türmten sich Unrat und Fäkalien und lösten schwere Krankheiten aus.

Paulus ging es gesundheitlich zunehmend schlecht. Kein Arzt konnte ihm wegen seiner Kopfschmerzen und allgemeinen Gebrechen helfen. Immer weniger und nur unter grossen Beschwerden konnte er zu den Versammlungen seiner Gemeinde gehen. Trotz seiner neuen Gemeinde vereinsamte er zunehmend.

Ein Gerichtsdiener sprach eines Tages bei Paulus vor, um auf die Beibringung der geforderten Nachweise zu drängen. Der Wachsoldat bedeutete ihm aber, dass Paulus erschöpft sei und schliefe. Damit wollte sich der Gerichtsdiener aber nicht zufrieden geben und verlangte Einlass. Als beide dann in Paulus’ Wohnung eintraten, lag Paulus wirklich auf seiner Bettstatt und schien tief zu schlafen. Als er auf Ansprechen und Rütteln nicht reagierte, drehte der Wachmann ihn auf den Rücken und riss entsetzt die Arme hoch und würgte aus seiner Kehle, dass der tot sei. Auch der Gerichtsdiener konnte nur noch den Tot feststellen und machte sich unverzüglich auf den Weg zurück zum Gericht. Dort angekommen erstattete er dem Gerichtsbeamten Bericht. Der lehnte sich behäbig in seinen Stuhl zurück, legte seine Hände auf den Tisch und seufzte irgendwie zufrieden, dass man dann ja den Fall Paulus ex Tarsus ja ad acta legen könne. Das Vermögen sei noch festzustellen und zugunsten der Staatskasse zu konfiszieren. Der Mann sei dann wie üblich ausserhalb der Stadt mit anderen zu begraben!