Kommentar

München, 08.03.2016

Humanität/Gesellschaft

Rondo alla turca

von Georg Korfmacher, München

 

Im Kontext der weltweiten Diskussionen um Flüchtlinge und deren Aufnahme und in einem besonders dafür einberufenen EU-Gipfel verbindet die eingeladene Türkei ihren Wunsch nach Mitgliedschaft in der EU mit einem Deal, den man auch als Menschenhandel bezeichnen kann. Ihr gebt mir Mitgliedschaft und Reisefreiheit und ich sortiere gegen Entgelt und mit Abnahmegarantie die Menschen aus, die Euch genehm sind.

Während die Türkei von einem Paket (ohne dies nicht das) sprach, bejubelten Kommission und Deutschland das als Durchbruch. Nur der Evangelikale Volker Kauder poltert, dass nicht alle Wünsche der Türkei erfüllbar seien. Die Pleite des Deals scheint vorprogrammiert, während für unseren umtriebigen Außenminister sich alles in Richtung einer Lösung bewegt; aber welche?

Zunächst hat die Türkei die Führochsen der EU in einem Rondo Ridiculoso am Ring durch die Arena getrieben. Sprachlos, hilflos, rückgratlos. Mal wieder Vertagung des Themas, während die eigentlich betroffenen Flüchtlinge sich mit Kind und Kegel irgendwie weiter durch Schlamm und Hunger kämpfen müssen. Wo ist da die vielbesprochene Humanität, was mit dem so oft beschworenen christlichen Erbe? Beides wurde uns als Fratze vorgeführt. Die „laizistische“ Türkei verhandelt knallhart eigene Vorteile und Menschen gegen Geld. Wo soll da der Durchbruch sein? „Die pauschale Rücküberführung von Flüchtlingen aus einem Land in ein anderes Land ohne ausreichende Schutzmechanismen für die Menschen sei mit europäischem und internationalen Recht nicht vereinbar, erklärte der Europa-Direktor des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Vincent Cochetel.“ (SZ) Wussten das unsere Politiker nicht? Nur die ansonsten flügellahme Opposition prangert den Deal als Erpressung (die LINKE) oder Türsteherrolle (die GRÜNEN) an. Nur Pro-Asyl sagt klar, was der Deal eigentlich ist: "Dies ist ein teuflischer Vorschlag, der Menschenleben gegeneinander ausspielt". (SZ)

Während sich einige europäischen PolitikerInnen allem Anschein nach mit der Ronda alle turca anzufreunden scheinen, zeigt das Volk per Stimmzettel, dass es mit der kopflosen Flüchtlingspolitik der „Leithammel“ nicht einverstanden ist, oder dass es sich einfach sperrt. Quo vadis humanitas europea?

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Evolution – Humanismus – Emergenz

 

Eine Trilogie

 

  1. EVOLUTION

 

Angelika Förster

 

„Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, so Albert Einstein, dann gibt es keine Hoffnung für sie.“ 

 

Als Charles Darwin 1859 sein Werk: Vom  Ursprung der Arten, und damit seine Theorie von der Evolution der Öffentlichkeit vorstellte, löste dies einen tiefen Schock bei seinen Zeitgenossen aus. Das schien total absurd.

 

Seitdem sprechen wir also von Evolution

 

Definition: lateinisch evolvere „entwickeln“

 

Physikalische Evolution:

Entwicklung des Universums, seit dem Urknall

 

Biologische Evolution:

Die Entwicklung allen Lebens auf der Erde  seit etwa 4 Milliarden Jahren, von der nicht belebten Materie, über die Einzeller bis hin zu vielzelligen Lebensformen

 

Die Vorstellung, Affen als Vorfahren zu haben, erschütterte die Menschen vor 200 Jahren in kaum vorstellbarer Weise.

 

Die Evolutionstheorie zerstörte das sorgsam gepflegte Weltbild nicht nur der viktorianischen Zeit.

Das Weltbild des 19.Jahrhunderts war eingebettet in die sogenannte natürliche Theologie, wonach die Vielfalt des Lebens, die Schönheit der Pflanzen und Tiere und ihre perfekte Anpassung an die Natur Belege für die Liebe und Macht Gottes waren.

 

Die Behauptung Darwins, dass die Entstehung immer  komplexerer Lebewesen aus dem Kampf der Natur, aus Hunger, Not und Tod hervorgingen, erschütterte die Bildungsbürger von damals. Das Lebensgefühl und die Identität von Millionen Menschen wurden mit dieser Theorie so sehr in Frage gestellt, dass viele hofften, diese neue Sichtweise möge in Vergessenheit geraten.

 

Dabei hatte Anaximander von Milet bereits im 6. Jahrhundert v.u.Z. die Welt als Kosmos beschrieben, dessen Entstehung er rein physikalisch begründete. Durch Beobachtung und rationales Denken vertrat er die Meinung, dass der Mensch aus Fischen oder fischähnlichen Lebewesen hervorgegangen sei.

 

Der Wissenschaftler, Thomas Henry Huxley, interessierte sich jedoch sehr  für Darwins Evolutionstheorie und setzte sich vehement  für sie ein, was ihm den Spitznamen „Darwin’s Bulldog“ einbrachte.

 

Huxley war Mediziner und Biologe und  ließ sich 1860 sogar auf ein Streitgespräch mit dem Bischof von Oxford ein. Die sog. Huxley-Wilberforce-Debatte machte die große Kluft zwischen kirchlicher Lehre und Naturwissenschaft deutlich.

 

Dabei geht es „In der Wissenschaft immer darum, zu sehen, was alle anderen auch sehen, aber das zu denken, was noch keiner gedacht hat.“ So ein Biochemiker. 

 

 

Erst mit den Arbeiten von Oswald Avery über die DNA (Desoxyribonukleinsäure) als Träger der genetischen Informationen 1944 und der Entschlüsselung der Struktur der DNA durch James Watson und Francis Crick 1953 wurde die biologische Basis für die Vererbung geklärt.

 

Seitdem sind  Genetik und die Molekularbiologie zentrale Bestandteile der Evolutionsbiologie.

 

Ich bin der Meinung, dass viele bis heute die Dimension und Tragweite der Evolutionstheorie noch nicht verstanden haben – Warum?

 

Viele Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts sehen keinen Widerspruch darin, dogmatischen Schöpferglauben und Evolutionstheorie unter einen Hut zu bringen.

 

Heute kommt eine wichtige neue Erkenntnis hinzu: die Emergenz.

Es gibt neuere Einsichten darüber, wie bestimmte Faktoren die Evolution beschleunigt haben.

Nicht nur ungünstige Bedingungen, wie Nahrungsmangel, Klima, Konkurrenz und der Kampf ums Dasein führten über Mutationen und Selektion zur Vielfalt der Arten, sondern auch günstige Bedingungen förderten die Innovationen in der Evolution.

 

Begriffe wie Empathie, Wechselwirkungen, Symbiosen, Kooperationen und Epigenetik förderten die biologische Evolution.

 

So weiß man heute auch um zwei besonders wichtige Beschleuniger der Evolution:

 

1. Die sozial stimulierte Ko-Evolution

Diese kam bereits bei den Insekten, die Gruppen und Staaten bildeten, über kollektive Intelligenz zum Einsatz.

 

2. Die sexuelle Vermehrung

Über sexuelle Anziehung und Vermehrung wurde  nun die Vererbung ganzer Module des Genoms möglich.

 

Aber es passierte dabei noch mehr. Die Evolution des Menschen ist seit ca. 100.000 Jahren nicht nur genetisch, sondern viel stärker psychosozial gesteuert, d.h. durch seine geistigen und kulturellen Fähigkeiten. 

 

Und in diesem Zusammenhang möchte ich auf die weitreichende, emergente Wirkung von Bindungshormonen aufmerksam machen. Bindungshormone dämpfen unser Stress- und Angstzentrum im Zwischenhirn und fördern empathische Gefühle.

 

Über die ganze  Zeit der Schwangerschaft in der Plazenta werden 9 Monate lang  Bindungshormone aktiviert, und zwar durch tiefe Verbundenheitsgefühle zwischen Mutter und Kind. Auch danach  benötigt der Mensch noch 20 Jahre der Fürsorge und Geborgenheit. Deshalb ist auch der Familienverband ein wichtiger Lieferant der Bindungshormone.

So wurde über Sexualität, Fürsorge, Liebe, Elternschaft das empathische Empfinden der Menschen permanent verstärkt.

 

Zwei Zitate faszinieren mich:

„Ich denke, also bin ich“

Rene Descartes

Begründer des modernen Rationalismus

und

„Ich fühle also bin ich“

Antonio Rosa Damasio, ein portugiesischer Neurowissenschaftler.

Er untersuchte die Wechselwirkungen zwischen Körper und Bewusstsein und konstatiert den unauflösbaren Zusammenhang zwischen Körper/Gefühle/Emotionen und Geist.

 

Was bedeutet das für die weitere Evolution mit uns Menschen auf unserer Erde?

 

Wir besitzen als einzige Lebewesen auf der Erde die Fähigkeit, über uns und die Welt zu reflektieren.

 

Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen auf der Erde, die die Fähigkeit besitzen, mittels ihres Geistes, auch ihre Gefühlswelten zu steuern. Wir sind also auch spirituelle Wesen, weil wir durch bewusste Denkprozesse auch bestimmte Emotionen und Gefühle imaginieren können.

 

Wenn wir uns z.B. Verbundenheitsgefühle imaginieren, werden sogar Wohlfühlhormone erzeugt, die uns  wieder gelassener und vertrauensvoller machen.

 

Verstand und Gefühl – Gefühl und Verstand

 

Beides brauchen wir in der Zukunft, um unsere Aufgaben und unserer Verantwortung als Menschen für die Welt und deren Weiterentwicklung gerecht zu werden.

 

Und das alles müssen wir ohne fremde Hilfe leisten. Im Muster der Evolution gibt es weder Bedarf noch Raum für Übernatürliches.

 

Milliarden Galaxien, unser Sonnensystem, die Erde und alles auf ihr haben sich entwickelt und ist nicht geschaffen worden.

 

Religiöse Gefühle schaffen zwar Verbundenheit mit einem Gott-Schöpfer-Engeln etc. und liefern so die begehrten Bindungshormone. Es wird jedoch Zeit, dass wir lernen, über eine humanes Miteinander, diese begehrten Botenstoffe jederzeit und auch mittels Gedankenkraft zu aktivieren, um den positiven Kreislauf  der Evolution weiter anzustoßen und weiterzuentwickeln:

 

mit dem Prinzip Empathie und dem Prinzip Vernunft.

 

II.       HUMANISMUS

 

Georg Korfmacher

 

Also, wenn schon alles der Evolution unterliegt, warum nicht auch der Humanismus in all seinen Ausprägungen und Mutationen.

 

Nur kurz: Ein Humanist konzentriert sich auf den Menschen mit seinen Möglichkeiten, Freiheiten und seiner Verantwortung für sich und die Welt.

Das Bewusstsein über den Menschen und seine Rolle ist schon sehr alt.

Schon Konfuzius formulierte vor 2 ½ Tausend Jahren für den „edlen“ Menschen:

„Den Angelpunkt finden, der unser sittliches Wesen

mit der allumfassenden Ordnung, der zentralen Harmonie vereint“

 

Von ihm stammt die „goldene Regel“

„Was man selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an“.

 

Das zentrale Thema seiner Lehren war die Achtung vor anderen Menschen und die Verantwortung für sich selbst.

 

Der Weg zum „edlen“ Menschen war für Konfuzius die Bildung mit folgender kritischen Ermahnung:

„Lernen, ohne zu denken, ist eitel;

Denken, ohne zu lernen, ist gefährlich.“

 

Ein bis heute unübertroffenes Leitmotiv.

 

Auch der Grieche Protagoras provozierte seine Zeitgenossen um ca. 450 vuZ mit der Feststellung:

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge“.

Wir von der Giordano-Bruno-Stiftung sind für den von Julian Huxley so genannten „evolutionären Humanismus“ auf der Basis der Aufklärung und wissenschaftlicher Erkenntnisse, also für einen Humanismus, der sich entwickelt hat und sich stets weiter entwickelt. Also für einen Humanismus als Weg.

 

Julian Huxley hat 1961 ein Buch unter dem Titel „The Humanist Frame“ herausgegeben.

  • Biologe und Verhaltensforscher war er in der Tradition seines Großvaters, Er hat maßgeblich die Arbeit von Konrad Lorenz beeinflusst.
  • Als Politiker wurde er als erster Generaldirektor der UNESCO bekannt und geschätzt
  • und die Humanisten verdanken ihm den Anstoß zur Gründung der IHEU (International Humanist and Ethical Union) 1952, die heute weltweit über 100 Organisationen in über 40 Ländern umfasst.

 

Zu seinem Buch schrieb er als Herausgeber das Vorwort und den einleitenden Beitrag mit dem Titel: „The humanist Frame“,

um dann 25 Autoren das Wort zu überlassen, die sich zu den verschiedensten Aspekten im Rahmen des von ihm skizzierten, humanistischen Ideen-Systems ausließen: über Körper und Seele, über das Tier im Menschen, Wissenschaft, Demokratie, Fortschritt, Liebe, Gesellschaft, Musik, Kunst, Wissen, Bildung, Soziologie, Wirtschaft, unterentwickelte Völker, Recht und Gesetz, Medizin, Umwelt, Zukunft und schliesslich das Potential der Menschen. Dieser letzte Beitrag ist von seinem Bruder Aldous Huxley.

 

Diese umfassende Themenvielfalt zeigt, dass der überzeugte Darwinist die

  • Evolution nicht nur in dem von Darwin aufgezeigten, biologischen Bereich die entscheidende Rolle für die Entwicklung des Menschen sah,
  • sondern dass Evolution auch in allen anderen Bereichen menschlicher Erfahrungen prägend stattfindet.

 

Alle Aspekte der Realität unterliegen der Evolution,

von Atomen und Sternen bis zum Fisch und Blumen,

bis hin zu menschlichen Gesellschaften und Werten.

Die ganze Realität ist ein einziger Evolutionsprozess.

 

In diesem Ideen-System gibt es kein absolutum. Es gibt nur Beziehungen.

 

Menschliches Denken, Wissenschaft, Kunst und Religion sind keine unabhängigen, sondern verbundene Funktionen unserer sich entwickelnden Art.

  • Es ist kein dogmatisches, sondern ein offenes System für unendliche Veränderungsmöglichkeiten.
  • Es ist Grundlage und Richtung in unserer Welt von Gewalt und Unordnung.

 

Die Evolution des Menschen ist seit dem homo sapiens – also seit etwa 100.000 Jahren - weniger biologisch als vielmehr psychosozial gesteuert, d.h. durch seine geistigen und kulturellen Fähigkeiten.

 

Der Mensch ist dabei von immenser Bedeutung, selbst wenn er im Zuge der Evolution aus seiner selbst-eingebildeten, zentralen Rolle im Universum in eine unendlich kleine Randposition in einer von Millionen von Galaxien gestellt worden ist.

Gleichwohl ist die Evolution des Geistes oder der Gefühle ein ausserordentlich seltenes, ja vielleicht einzigartiges Ereignis in diesem Universum.

 

Der Mensch ist Zeugnis für die Bedeutung von Geist und Qualität im allumfassenden Evolutionsprozess.

  • Nur durch seinen Verstand hat der Mensch die dominante Rolle auf unserem Planeten, aber auch die Verantwortung für ihn;
  • Nur durch den rechten Gebrauch eben dieses Verstandes kann er seiner Verantwortung gerecht werden;
  • Nur unter Einsatz aller seiner mentalen Kräfte kann er Erfolg haben.

 

Und das alles muss der Mensch ohne fremde Hilfe leisten. In der Evolution gibt es weder Bedarf noch Raum für Übernatürliches.

 

Hier ist Humanismus eine Leitkultur mit dem Dreiklang von

Aufklärung - Wissenschaften - Emergenz.

 

Das Leitmotiv eines evolutionären Humanismus findet bis heute seinen Ausdruck in den Kernaussagen der IHEU-Deklaration von Amsterdam von 2002:

 

  1. Humanismus ist ethisch
  2. Humanismus ist rational
  3. Humanismus fördert Demokratie und Menschenrechte
  4. Humanismus verbindet persönliche Freiheit mit sozialer Verantwortung
  5. Humanismus ist eine Alternative zu dogmatischen Religionen
  6. Humanismus befürwortet Kreativität der Künste
  7. Humanismus ist eine Lebenseinstellung

 

Der Humanismus ist ein vielschillerndes, reiches Programm. Es gibt noch viel zu tun. Wir Humanisten von der Giordano-Bruno-Stiftung suchen Gleichgesinnte auf unserem Weg in eine bessere Welt.

 

Das vielschillernde Verständnis für den Menschen und die Evolution wirft wie selbstverständlich die Frage auf,

  • wie und nach welchen Gesetzen – wenn überhaupt –

die verschiedensten Interaktionen wirken – oder gar zusammenwirken - ,

  • um uns bei unserer Evolution zu unterstützen.

Und damit kommen wir zur Emergenz.

 

 

  1. EMERGENZ

 

Dr. Wilfried Müller

(vorgetragen auf den Grundlagen von Dr. Günter Dedié)

 

          Von der Kraft und Unbestechlichkeit der Naturgesetze

Oder: Die emergente Entwicklung der Welt durch Selbstorganisation

 

Die emergente Entwicklung der Welt hat kurz nach dem hypothetischen Urknall mit der spontanen Bildung der fundamentalen Teilchen und Kräfte begonnen und geht seither ständig und unbeirrbar weiter bis in die Bereiche des Lebens und des Denkens.

 

Konzept der Emergenz

 

Das grundsätzliche Konzept der Selbstorganisation kann man so beschreiben:

  • Mehrere, viele oder sehr viele elementare Bausteine (Elemente) verbinden sich auf der Basis ihrer Wechselwirkungen, die meist nur zwischen den nächsten Nachbarn wirken, zu Systemen mit neuen Strukturen und Eigenschaften.
  • Aus einfachen Elementen mit einfachen Wechselwirkungen untereinander entstehen so Systeme mit sehr komplexen kollektiven Strukturen und Eigenschaften oder Fähigkeiten, die aus denen der einzelnen Elemente nicht erklärt oder vorhersagt werden können. Frei nach Philipp W. Anderson: "Ein einzelnes Gold-Atom ist nicht gelb und glänzend, eine einzelne Zelle ist kein Tiger".
  • Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
  • Obwohl die Wechselwirkungen meist nur zwischen den nächsten Nachbarn wirken, ergibt sich bei der Selbstorganisation oft eine Fernordnung, die das ganze System erfasst.

 

Die Vielfalt der emergenten Prozesse in der unbelebten und der belebten Natur ist immens. 

 

Entsprechend groß ist die Vielfalt der unterschiedlichen Bezeichnungen dafür in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachgebieten:

Emergenz, Selbstorganisation, Komplexitätstheorie, Synergetik, Holismus, Evolution, Symbiose, usw.

Die heute oft weit voneinander entfernten Spezialgebiete der wissenschaftlichen Forschung können unter dem Aspekt der Selbstorganisation zu einem übersichtlichen Gesamtbild zusammengefügt werden:

 

Die Emergenz schlägt als durchgängiges Prinzip eine Brücke zwischen der unbelebten und der belebten Natur, sie verbindet die materielle Welt mit der Welt des Geistes!

 

Emergenz bei Lebewesen

 

Das dynamische Verhalten einer großen Zahl von Ameisen bei der Futtersuche ist  ein Modellsystem für wichtige Eigenschaften und Fähigkeiten von selbstorganisierten Systemen.

Die einzelne Ameise ist dabei als Element genetisch gesteuert und hat sehr einfache Wechselwirkungen mit anderen Ameisen. Kein Forscher konnte bisher einer einzelnen Ameise irgendetwas beibringen. Aber eine große Gruppe von Tausenden oder Millionen von Ameisen kann eine Organisation mit sehr eindrucksvollen Leistungen sein. Betrachten wir die Futtersuche einer Gruppe von Ameisen:

Ameisen laufen dabei ständig ungeordnet in ihrem Revier hin und her. Wenn eine Ameise Futter gefunden hat, markiert sie ihre Spur mit Pheromonen. Andere Ameisen folgen dieser Spur und verstärken dadurch die Markierung. Je ergiebiger die Futterquelle ist, und je kürzer der Weg dorthin, umso stärker wird die Spur markiert, und umso mehr Ameisen folgen ihr.

 

Aus Sicht der Selbstorganisation erkennt man an diesem Beispiel folgendes:

Die Suche nach Futter verläuft am Anfang "chaotisch", denn die Bewegungen der Ameisen sind ungeordnet und es ist nicht genau vorhersagbar, welche Ameise einen Weg zum Futter etabliert.

Das gefundene Futter führt zu Ordnung und Struktur, nämlich der Konzentration vieler Ameisen auf den besten Weg zum Futter.

Die chaotische Suche ist "innovativ", denn die Erfolgswahrscheinlichkeit ist viel größer als beim bewegungslosen Abwarten.

 

Deshalb waren bei der Evolution Ameisen, Bienen oder Termiten mit diesen kollektiven Fähigkeiten sehr viel erfolgreicher als andere einzeln lebende Insekten. Die emergente Organisation ist nicht direkt in den Genen angelegt, aber die Gene unterstützen die Fähigkeiten, die dafür nötig sind.  

 

Das Verhalten der Ameisen hat übrigens aus Sicht der Emergenz eine bestimmte Ähnlichkeit mit der Funktion des Gehirns:

Auch das Gehirn ist im Ruhezustand nicht in Ruhe, sondern in einem chaotischen Muster von Aktivitäten der Nervenzellen (ungeordnet), bis ein Gedankenmuster emergent eine Ordnung schafft. Das ist einer der Erfolgsfaktoren für die Leistungsfähigkeit des Hirns.

 

Emergenz in der menschlichen Gesellschaft

 

Die Kraft der Selbstorganisation und der Erfolg der emergenten Systeme kommt aus der großen Anzahl und Vielfalt der Elemente, die zusammenwirken. Auch in der menschlichen Gesellschaft steckt das Potential zur Weiterentwicklung und zur schöpferischen Anpassung an größere Änderungen in der pluralistischen Beteiligung möglichst vieler kompetenter und kooperativer Bürger in einem "inklusiv" (symbiotisch) organisierten Sozialsystem.

 

Die seit 200 Jahren weit verbreitete Meinung vom Kampf ums Dasein (survival of the fittest) sowie die von der Aggression und des Egoismus als dem überwiegenden Erbe der Menschheit hält einer naturwissenschaftlichen Analyse nicht stand. Man muss sie vorwiegend als bequeme Rechtfertigung der Reichen und Mächtigen in unserer Welt sehen (mit Fitness = Geld & Macht).

 

Die Evolution hat nachweislich nicht nur auf der Basis des blinden Zufalls von Mutationen und der gnadenlosen Selektion beim Kampf ums Dasein stattgefunden. Sie ist stärker durch kooperative Prozesse der Selbstorganisation wie Symbiosen, Ko-Evolutionen und soziale Kooperationen bestimmt worden.

 

Die Empathie und das eusoziale Verhalten (bei der Staatenbildung) haben dabei eine große Rolle gespielt.

 

Es ist höchste Zeit, diese Erkenntnis zum Allgemeingut zu machen und die ethischen und moralischen Regeln der menschlichen Gesellschaft danach neu auszurichten.

  • Das Streben nach Menschenrechten und nach einer Gesellschaft, die nach fairen ethischen Regeln lebt, sind keine willkürliche Anmaßung, sondern eine emergente Qualität der Menschheit (oder auch: ein Erbe der Menschheit aus der Evolution).
  • Der Erfolgsfaktor der Evolution einschließlich der sozialen Entwicklung des Menschen ist nicht nur der Kampf ums Dasein, sondern vor allem die symbiotische Zusammenarbeit. Er zeigt uns die Richtung auf für die Weiterentwicklung von Ethik und Moral in der menschlichen Gesellschaft.

 

In der westlichen Welt und in vielen anderen Ländern hat in den letzten Jahrhunderten das Wissen der Menschen über die Natur und ihre Gesetze erheblich zugenommen, und als Folge davon auch die Möglichkeiten der Technik, der Medizin, der inklusiven Sozialordnungen sowie der allgemeine Wohlstand. Das ist emergent aus dem Wissensfortschritt hervorgegangen und hat die Rahmenbedingungen der Menschheit verändert. Dahinter steht die unbestechliche Kraft der Naturgesetze.

 

Dadurch haben extraktive Eliten, die auf religiösem Glauben, der angeblich von Gott gewollten absoluten Herrschaft oder dem ideologischen Glauben an eine "Herrenrasse" oder an die "Diktatur des Proletariats" aufgebaut waren, stark an Macht und Einfluss verloren.

 

Wenn es gelingt, Ethik und Moral aus religiösen Fesseln zu lösen, sollte auch für diese eine positive Weiterentwicklung möglich sein, und in der Folge eine ethische und moralische Neuausrichtung der Gesellschaft.

 

Dafür müssen Wissen und Kritikfähigkeit der meisten Menschen noch erheblich verbessert werden, denn … "Wissen ist Macht", es fördert die Kraft zum kritischen Denken.

 

Diese Entwicklung wird durch die großen Fortschritte der Informationstechnik gefördert. Sie verbessert

  • die Zugänglichkeit des Wissens,
  • die Möglichkeiten der Kommunikation

Auch darin zeigt sich die unbestechliche Kraft der Naturgesetze.

 

Dieser Artikel ist eine Trilogie, die von der gbs-muc (Regionalgruppe München im Förderkreis der Giordano-Bruno-Stiftung) unter Federführung von Georg Korfmacher publiziert wird. Das Material ist mit freundlicher Erlaubnis dem Buch Die Kraft der Naturgesetze von Dr. Günter Dedié entnommen und wurde von Georg Korfmacher kompiliert. Anlässlich des Platz für Humanisten, einer Münchner Veranstaltung im Rahmen des Straßenfests Corso Leopold (16. und 17. Mai) vorgetragen.

 

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Original auf www.wissenbloggt.de

 

MANIFEST

DER INITIATIVE HUMANISMUS

FÜR MENSCHEN – GEGEN DOGMEN

 

Vorbemerkung:

Dieses Manifest ist keinesfalls als Handlungsanleitung im Sinne einer To-do-Liste zu verstehen, da dies als Zwang empfunden werden könnte. Ein Humanist würde sich niemals autoritativen Geboten unterwerfen, da er als Individuum selbst entscheidet, was für ihn wichtig und richtig ist. Das Manifest ist daher eine knappe Beschreibung und Darstellung dessen, was humanistische Lebensauffassung beinhaltet, so dass sich auch Außenstehende, die nicht selten falsche Vorstellungen vom Humanismus haben, informieren und gegebenenfalls diese Grundauffassungen ganz oder teilweise für ihr eigenes Leben adaptieren können.

1. Dem Menschen Mensch sein

Humanisten sind auf der ständigen Suche nach Antworten auf die Frage: Wie kann der Mensch dem Menschen Mensch sein? Sie bauen dabei auf die natürliche, durch die Evolution entwickelte Ethik, die in allen Kulturen in mehr oder weniger großem Umfang vorgefunden wird, und lehnen es ab, sich auf dogmatische religiöse Anweisungen oder politische Ideologien zu berufen. Ihr Wegweiser sind vielmehr Vernunft und Wissenschaft.

2. Die Menschenrechte gelten ausnahmslos für alle Menschen

Humanisten respektieren ihr Gegenüber als ebenso empfindenden und Rechte beanspruchenden Menschen, unabhängig von dessen weltanschaulicher Überzeugung. Sie  gehen davon aus, dass Andersdenkende dieselbe Toleranz entgegenbringen und nicht versuchen, sie mit missionarischem Eifer oder gar mit Gewalt von ihren Einstellungen abzubringen. Gegen Intoleranz darf es allerdings keine Toleranz geben. Humanisten respektieren alle Mitmenschen unabhängig von deren biologischen Merkmalen oder sexuellen Orientierungen.

3. Tiere sind fühlende Mitlebewesen

Humanisten akzeptieren auch die nichtmenschlichen Wesen der sie umgebenden Natur, die ebenso mit Empfinden für Schmerz und Freude am Wohlbefinden ausgestattet sind, so dass Humanisten sich verpflichtet fühlen, sie so behutsam wie möglich zu behandeln. Der Mensch ist weder das "Ebenbild Gottes" noch die "Krone der Schöpfung", sondern eine evolutionär entstandene Art unter vielen. Aufgrund seiner Intelligenz verfügt er über mehr Macht als die anderen Tierarten. Daraus folgt allerdings nicht, dass das Wohl und Leid derselben weniger zählte, denn physische und geistige Schwächen sind kein Abwertungsgrund.

4. Sozialkompetenzen machen den Menschen zum Menschen

Humanisten wissen, dass die grundlegenden sozialen Kompetenzen des Menschen – wie Hilfsbereitschaft, Verantwortungsgefühl, Kooperationsfähigkeit und Altruismus– sowohl eine genetische wie auch darüber hinaus eine hormonelle Basis haben. Sie sind deshalb in ihren materiellen Grundlagen wissenschaftlich erforschbar, begründbar und kulturell weiter entwickelbar. Das gilt ebenso auch für die am wenigsten sozialen Eigenschaften des Menschen wie die Fähigkeiten zu lügen, zu betrügen, Bosheiten und Verbrechen zu begehen.

5. „Gut“ und „Böse“ haben keine metaphysischen Bezugspunkte

Humanisten lehnen den Anspruch der Religionen auf ein Moralmonopol ab. Humanisten vertreten eine säkulare, das heißt auf Vernunftgründen basierende Ethik. Die Annahme „Ohne Gott sei alles erlaubt“ ist genauso ein Trugschluss wie die Annahme, „Mit Gott sei alles moralisch.“ Ersteres wird durch die Wissenschaft und die Lebenspraxis von Millionen Menschen widerlegt, letzteres wird durch die Religionsgeschichte und die jüngere Vergangenheit so offensichtlich Lügen gestraft, dass auf Beispiele hier verzichtet werden kann. Bemerkenswert ist: Überwiegend nichtreligiöse Gesellschaften wie zum Beispiel Schweden sind auffällig häufig wesentlich menschenfreundlicher gestaltet in ihren Sozialsystemen als eher religiöse Gesellschaften wie zum Beispiel die USA.

6. Der Mensch ist das Maß aller Dinge

Für Humanisten ist der Mensch ein selbstbestimmtes und zugleich soziales Wesen, das sich frei macht von metaphysischen Moralvorstellungen einer nur behaupteten Instanz über ihm, und das sich in seinen moralisch-ethischen Entscheidungen unmittelbar an den Interessen und Bedürfnissen der Mitmenschen orientiert. Interessenkonflikte zwischen Menschen werden nach den Kriterien „fair“ und „unfair“ gelöst, bei der Bewertung wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen ist allein die Frage maßgeblich, ob diese der langfristigen Verbesserung der Lebensqualität des Menschen dienen, nicht jedoch, ob damit ein religiöses Gesetz verletzt wird.

7. Religion und Weltanschauung sind Privatsache

Humanisten gründen ihre Anschauungen ganz wesentlich auf ein wissenschaftlich ausgerichtetes Bild von der Welt und lehnen es daher konsequent ab, selbsternannten Priester- oder Schamanenkasten mit ihren metaphysischen Orientierungen zu folgen. Eine solche Einstellung verlangt einen religiös neutralen Staat, der die weltanschaulichen Ansichten seiner Bürger weitestgehend als Privatsache betrachtet und der keine Religionsgemeinschaft bevorzugt oder gar finanziell unterstützt.

8. Keine religiöse Indoktrination an Schulen

Humanisten leben ihr humanistisches Weltbild als Leitbild, aber ohne missionarischen Eifer. Sie lehnen aus diesem Grunde auch indoktrinierenden Unterricht an Schulen ab, wie er derzeit als Religionsunterricht im Kindesalter und teilweise als religiös interpretierter Biologieunterricht angeboten wird, weil ein solcher Unterricht eher spaltet statt zu einen. Auf diese Weise wird Abneigung und im schlimmsten Falle Hass auf den Andersgläubigen erzeugt, wo eigentlich ein friedliches Miteinander in einer kulturell zunehmend vielfältiger werdenden Welt angesagt wäre. Manche Humanisten treten deshalb für die flächendeckende Einrichtung eines Unterrichtsfachs ein, in dem Werte und Normen vermittelt werden sollen. Andere lehnen diese Art der Vermittlung ab und bevorzugen die Nutzung des auszubauenden Geschichts- oder Philosophieunterrichts zum Vergleich unterschiedlicher weltanschaulicher Positionen

9. Wissenschaftsorientiertes Denken ist ergebnisoffen

Humanisten fühlen sich der Vernunft und der Wissenschaft verpflichtet, die sie als tragende Säulen ihrer Weltanschauung auffassen. Neue Fakten aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse verändern laufend unser Verständnis von der Welt und vom Menschen und damit unser Weltbild. Da Humanisten keine absoluten Wahrheiten vertreten, sind deshalb immer wieder Anpassungen an die sich verändernden Gegebenheiten vorzunehmen. Überkommene religiöse und starre ideologische Lehrsätze und Doktrinen haben in diesem Weltbild keinen Platz.

10. Der Mensch bestimmt den Sinn seines Lebens

Humanisten gehen davon aus, dass ihnen höchstwahrscheinlich nur dieses eine Leben gegeben ist, in dem sie ihre Vorstellungen und Wünsche verwirklichen können. Kennzeichen humanistischer Lebensweise ist daher eine strikte Diesseitsorientierung bei der Verwirklichung der eigenen Vorstellungen und Wünsche. Humanisten haben das Ziel, ein erfülltes und möglichst glücklich verlaufendes Leben zu führen und setzen sich dafür ein, dass dies auch möglichst vielen Mitmenschen gelingt. Es ist Sache des einzelnen Menschen, seinem Leben einen persönlich gewählten Sinn zu geben, von Religionen oder weltlichen Ideologien vorgefertigte Sinngebungen werden abgelehnt.

11. Selbstbestimmung ist zentrales Lebensprinzip

Humanisten nehmen Einschränkungen der Freiheit des Individuums nur in dem Ausmaß hin, wie sie der Aufrechterhaltung eines friedlichen Nebeneinanders in der Gesellschaft dienen. Diesem Ziel entgegenwirkende gesellschaftliche oder politische Strömungen lehnen sie mit Entschiedenheit ab. Die Idee des liberalen, religiös neutralen Rechtsstaates kommt humanistischer Auffassung am weitesten entgegen. Das heißt, jedem Menschen ist so viel persönliche Entfaltungsmöglichkeit zu gewähren wie ohne Einschränkung des Mitmenschen möglich ist.

12. Ohne Meinungsfreiheit verkümmern die Menschenrechte

Humanisten bewerten das Recht auf freie Meinungsäußerung als einen sehr hohen Wert im Rahmen der Allgemeinen Menschenrechte (gesellschaftlich betrachtet sogar als den höchsten). Wird die Meinungsfreiheit beschädigt, leiden alsbald alle anderen Menschenrechte unter Auszehrung oder Verzerrung. Einschränkungen der Meinungsfreiheit lehnen sie deshalb weitestgehend ab. Für das menschliche Zusammenleben schädliche Äußerungen jenseits des Ziels der Informierung oder Äußerung von Meinungen – wie beispielsweise Aufrufe zur Gewalt – sind davon jedoch nicht betroffen.

Nachwort:

Humanisten immunisieren sich nicht gegen Kritik. Im Gegenteil: ehrliche und konstruktive Kritik wird als Geschenk empfunden, die ganz allgemein der Verbesserung der Lebenssituation des Menschen dienen kann. Deshalb sind wir dankbar für Vorschläge, die zu einem späteren Zeitpunkt der weiteren Präzisierung und gegebenenfalls Ergänzung unserer Auffassungen dienen könnten.

Verabschiedet von der Facebook-Gruppe Initiative Humanismus am 15. März 2012.